Wirtschaft : Hannovermesse: Kanzler und Wirtschaft uneins über Wachstum

HB/ro

Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) rechnet mit einer "deutlichen Konjunkturbelebung" und einer Besserung auf dem Arbeitsmarkt in den kommenden Monaten. Dafür gebe es in Deutschland, in den USA und in Asien unverkennbare Anzeichen, sagte er bei einem Rundgang über die Hannover-Messe. Auch die Experten der Dresdner Bank erwarten eine Wende beim Wirtschaftswachstum. Unternehmensverbände gaben indes verhaltenere Prognosen ab und warnten vor zu großem Optimismus.

Auf der weltgrößten Investitionsgütermesse in Hannover herrsche großer Optimismus, sagte der Kanzler. Es gebe allen Grund, hoffnungsfroh in die nächsten Monate zu gehen. "Ich denke, dass sich das im zweiten Halbjahr auch auf dem Arbeitsmarkt niederschlagen wird. Eine Gefährdung des Aufschwungs durch zu hohe Abschlüsse in der laufenden Tarifrunde befürchtet der Kanzler nicht. Er hoffe, dass es gelingen werde, "gesamtwirtschaftliche Vernunft walten zu lassen".

Schröder lehnte ein Anheben des Renteneintrittsalters über 65 Jahre hinaus ab. Das tatsächliche Renteneintrittsalter liege bei etwa 60 Jahren, sagte er. "Diese Differenz von fünf Jahren müssen wir erst mal nutzen, eh wir das andere Thema diskutieren." Der Kanzler plädierte zugleich dafür, Arbeitnehmer über 50 Jahre nicht einfach zum "alten Eisen" zu zählen. Sie hätten enorme Fähigkeiten und Erfahrungen. "Die müssen genutzt werden, insbesondere in Phasen, wo es bei Facharbeitern schon Engpässe gibt."

Auch die Dresdner Bank sieht das Land bald wieder auf einem höheren Wachstumspfad. "Deutschland befindet sich mitten in der Konjunkturwende", sagte Chefvolkswirt Klaus Friedrich am Montag in Frankfurt. Ein rasches Anspringen der Nachfrage sei wahrscheinlich. Für 2002 erwartet die Dresdner Bank ein reales Wachstum von 1,3 Prozent. Das soll nach einem verhaltenen ersten Quartal vor allem im zweiten Jahresabschnitt mit einem Zuwachs von mehr als vier Prozent stattfinden. Verantwortlich für den Aufschwung sind nach Ansicht von Friedrich die anziehenden Ausrüstungsinvestitionen und der wieder stärkere Export. Im nächsten Jahr rechnet die Dresdner Bank mit einem Wachstum von 2,3 Prozent. Allerdings sei die Prognose von einer "ungewöhnlich ernsthaften Risikolage" überschattet, fügte Friedrich an. Grund sei die Situation im Nahen Osten. Die Probleme dort könnten den Ölpreis auf über 30 Dollar steigen lassen.

Diese optimistischen Prognosen sieht die deutsche Industrie mit Skepsis. Auf der Hannover Messe am Montag warnte der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) vor überhöhten Erwartungen angesichts einer leicht anziehenden Konjunktur. Das Wachstum sei zu flach und die Beschäftigungsschwelle zu hoch, um die Arbeitslosigkeit abzubauen. Nach Ansicht von BDI-Präsident Michael Rogowski ist reines Hoffen auf den Aufschwung in den USA zu wenig. "Wir Unternehmer erwarten klare Aussagen, wie Deutschlands Stellung im internationalen Wettbewerb verbessert werden soll", sagte er. Dies gelte auch für die Oppositionsparteien CDU/CSU. Rogowski verlangte, die Investitionsquote des Staates anzuheben, das Steuerrecht zu vereinfachen und die Sätze auf 35 Prozent als "Zielmarke" und 40 Prozent im ersten Schritt zu senken.

Gleichwohl sieht der BDI ein Anziehen der Wirtschaft und korrigierte seine Konjunkturprognose auf 0,75 bis 1,0 Prozent Wachstum leicht nach oben. Dennoch "sind die Risiken eines erneuten Rückschlags noch nicht völlig gebannt", sagte Rogowski mit Verweis auf den Ölpreis. Auch könnten die vermutlich "nicht gerade wachstumsfördernd wirkenden" Folgen der Tarifrunde belasten.

Wie Rogowski rechnet der Chef des Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA), Diether Klingelnberg, im zweiten Halbjahr mit einem "Einschwenken auf einen moderaten Wachstumskurs". Trotzdem werde im Gesamtjahr ein Produktionsrückgang von zwei Prozent im Vergleich zu 2001 erwartet. "Für ein ausgeglichenes Ergebnis dürfte die Wende zu spät kommen."

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