Hans Eichel : „Das ist ein schwarzes Loch“

Ex-Finanzminister Hans Eichel fordert im Gespräch mit dem Tagesspiegel schärfere Regeln für den Finanzmarkt.

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Ex-Finanzminister Hans Eichel. -Foto: Mike Wolff

Herr Eichel,

würden Sie Ihr Geld derzeit noch in Aktien anlegen?

Ich sehe keinen Grund, sein Geld nicht dort anzulegen. Man muss sich nur ein paar Regeln klarmachen: Erstens, kauft keine Aktien auf Pump, und zweitens, seid euch klar darüber, dass es kurzfristig am Aktienmarkt auch mal runtergehen kann. Die schnelle Mark ist dort in der Regel nicht zu machen.

Wie weit wird die Krise noch gehen?

Das kommt darauf an, was die Banken bei sich noch an Risiken aus den faul gewordenen Hypothekenkrediten aus Amerika entdecken. Die Realwirtschaft ist jedenfalls nach wie vor robust. Die Fundamentaldaten sind gut. Wir haben es mit einer Krise der Finanzwirtschaft zu tun, die muss nicht auf die Realwirtschaft durchschlagen, wenn alle klug handeln.

Können Sie ausschließen, dass in Deutschland eine Bank pleitegeht?

Ausschließen kann man das grundsätzlich nicht. Aber wir haben Sicherungsmechanismen, die dafür sorgen, dass die Bankkunden in so einem Fall mit ihren Einlagen auch gesichert sind.

Bei den komplizierten Produkten der Finanzindustrie, die die Krise ausgelöst haben, blicken die meisten Anleger nicht mehr durch. Angeblich auch viele Banker nicht. Wissen Sie, wie Asset Backed Securities oder Collateralized Debt Obligations funktionieren?

Diese Konstrukte sind nicht der Grund für die Krise. Der Grund waren die Banken in den USA. Dort sind völlig leichtfertig Kredite vergeben worden, ohne dass auch nur ansatzweise Sicherheiten vorhanden waren. Das darf nicht passieren. Amerika wäre deshalb gut beraten, wenn es seine Banken den Regeln des Basel-II-Abkommens unterwürfe, das klare Regeln für die Kreditvergabe vorsieht. Im Moment sollen das dort nur einige Großbanken. Das ist wirklich ein amerikanisches Problem.

Haben sich auch die deutschen Banken schuldig gemacht?

Ja. Die Risiken aus der leichtfertigen Kreditvergabe werden ja ausplatziert in neue Wertpapiere. Dabei haben auch die deutschen Banken ganz offenkundig einen Teil übernommen und hängen da mit drin. Das hat man ja in extremer Weise bei der Düsseldorfer IKB-Bank gesehen. Wenn die Risiken ausplatziert und an Anleger verkauft sind, sind sie zwar bei den Banken zunächst verschwunden, aber sie sind natürlich noch in den Finanzmärkten. Das ist wie ein schwarzes Loch. Ich finde, das ist unerträglich. Das können die Banken auf die Dauer selber nicht wollen. Deswegen brauchen wir mehr Transparenz im internationalen Finanzsystem, um erkennen zu können, wo die Risiken liegen, und um entsprechend reagieren zu können.

Wie lässt sich diese Transparenz denn international herstellen?

Darüber reden wir ja schon seit Jahren. Wir brauchen noch nicht unbedingt Regulierung für die neuen Anlageformen oder Akteure wie zum Beispiel Hedgefonds, wir brauchen einfach Transparenz. Wir brauchen ein Kreditregister und wir brauchen sicherlich auch eine Begrenzung der Hebelwirkung bei kreditfinanzierten Unternehmenskäufen. Das kann man zum Beispiel erreichen, indem man eine stärkere Eigenkapitalunterlegung der Kredite vorschreibt.

War die Krise absehbar?

Bekannt war seit längerem das Problem bei der Häuslefinanzierung in Amerika. Ähnliche Probleme haben wir möglicherweise auch in Großbritannien und in Spanien. Was nicht bekannt war, ist aber dieses schwarze Loch, in dem die Risiken gelandet sind. Das war dann schon überraschend, dass die plötzlich mitten in Deutschland auftauchten.

Erinnern Sie sich an eine Krisensituation aus Ihrer Amtszeit als Bundesfinanzminister, in der Sie eingreifen mussten?

Wir hatten eine außerordentlich kritische Situation bei den deutschen Banken zur Jahreswende 2001/2002. Da lag die Profitabilität der Banken am Boden. Sie müssen in so einer Situation sehr vorsichtig sein. Der Finanzsektor ist sowieso ein nervöser Sektor. Wenn Sie da die falschen Signale setzen, dann wird daraus ein richtiger Herdentrieb, weil die Leute, nachdem sie bedenkenlos im großen Stil Risiken eingegangen sind, die sie besser nicht eingegangen wären, jetzt plötzlich eine riesige Risikoaversion haben.

Kann man sich als Finanzminister in so einer Krise auch mal einen Bankchef wie Josef Ackermann von der Deutschen Bank ans Telefon holen und um Aufklärung bitten?

Ja selbstverständlich. Das geschieht ja auch laufend. Die Kommunikation funktioniert.

Ist die jüngste Krise jetzt schon ausgestanden?

Wenn nicht irgendwo große Institute noch große Risiken entdecken, die sie in ihr Portfolio übernommen haben, dann ist jedenfalls gesichert, dass es nicht auf die Realwirtschaft in Europa durchschlägt. In Amerika mag das ein bisschen anders sein. Wenn dort eine große Zahl von Hausbesitzern ihre Darlehen nicht mehr bedienen kann, dann wird das beim privaten Konsum natürlich ankommen, und das wird Konsequenzen für das Wachstum in Amerika haben.

Hans Eichel (65) war von 1999 bis 2005 Bundesfinanzminister. Heute ist er im Bundestag als normaler Abgeordneter der SPD-Fraktion vertreten. Mit ihm sprach Stefan Kaiser.

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