Wirtschaft : Hans-Georg Krage

Geb. 1928

Thomas Loy

Andere trainierten. Er setzte sich in die Rennflunder und fuhr los. Ein erfolgreiches Leben braucht einen zugkräftigen Wahlspruch. Der von Hans-Georg Krage war recht kurz: „Das geht schon.“

Erst macht er eine Bügelei auf, geht Pleite, dann eine Näherei, geht Pleite, dann fängt er in einer Autowerkstatt an, als Ungelernter, arbeitet sich hoch, gründet eine eigene Werkstatt plus Fuhrpark für Essenausfahren, Schneeräumung und Bootstransport. Als er auf der A7 eine Yacht verliert, ist der Geschäftszweig Bootstransport tot.

Hans-Georg Krage macht erst mal und guckt dann, wie es gehen könnte. Schrauber-Mentalität. Erst sind es NSU-Motorräder, die er zusammenflickt, um damit Rennen zu fahren. Später Rennboote, diese flunderdünnen Flitzer mit der langen Schleppe aus Spritzwasser. Dreimal wird er Weltmeister in diesen Maschinen, reist nach Südafrika oder in die USA, ist einer der Großen in der Szene. Dabei hat er nie wirklich trainiert, erzählt sein Sohn, der später auch Rennen fährt, aber vorher richtig dafür ackert. Der Vater setzt sich einfach in seine Rennflunder und rast los. „Das geht schon.“

Zum Bücherlesen fehlt ihm die Ruhe. Am Ostseestrand mal faul herumliegen, das geht auch nicht. Entweder repariert er einen Trabi, von denen bleibt ja ständig irgendwo einer liegen, oder er taucht ins Wasser, um Aale zu harpunieren. Er ist ein großes Kind, das viel erleben will. Ein Mensch mit überquellendem Optimismus und nie getrübtem Selbstvertrauen.

Das war schon so als kleines Kind, vorm Krieg, in der Garnisonsstadt Pasewalk, Vorpommern. Dort lebte er in einem großen Haus mit Omas, Onkels und Tanten. Sein Großvater war Schmiedemeister bei den Kürassieren, zuständig für die Paradeschimmel.

1933 zog Hans-Georgs Familie ins kleine Dorf Nieden um. Hinterm Garten stand eine große Wassermühle, es gab eine Stellmacherei, aus der die Jungen aus dem Dorf Holzreste wegschleppten, um ihre eigenen kleinen Wassermühlen zu bauen. Ein halbes Jahrhundert später, nach der Wende, fährt Hans-Georg wieder nach Nieden, das sich widerstandslos dem Verfall hingegeben hat, und entscheidet, alles wieder aufzubauen, den Lebensmittelladen der Eltern, die Bäckerei, die Gastwirtschaft, das Wohnhaus. Viel Geld steckt er in das Projekt, von dem ihm alle abgeraten haben. Erst spät sieht er ein, dass er dem Ort seiner Kindheit kein Leben mehr einhauchen würde.

Ein Foto zeigt Hans-Georg in den besten Jahren, mit Sonnenbrille und Cowboyhut. In den USA hätte er gerne gelebt. Deutschland war für Western-Fans schon immer ein schwieriges Pflaster. Viel zu wenig Prärie, viel zu viele Vorschriften. Hans-Georg Krage kann schlecht den Mund halten, wenn ihm etwas nicht passt.

1944 ist er Fähnleinführer beim Jungvolk. Als sein Chef, der Bannführer, zwei Jungen aus seiner Truppe ins Rheinland schickt, um aus seinem Elternhaus Wein für eine Geburtstagsfeier zu holen, kommt einer der beiden beim Bombardement um. Hans-Georg beschimpft seinen Bannführer und wirft ihm die Rangabzeichen hin. Ein Eklat kann nur durch die guten Kontakte seiner Eltern zum Gauleiter der SA vermieden werden. Hans-Georg wird vorzeitig zum Flakdienst eingezogen.

Auf dem Marktplatz von Prenzlau stehen BDM-Mädels, um die Kindersoldaten mit Blumensträußen in den Krieg zu verabschieden. Das Mädchen, das Hans-Georg den Strauß überreicht, gefällt ihm so gut, dass er sich ihre Adresse besorgt und gleich in der ersten Nacht fahnenflüchtig wird. Nach einem langen Rendezvous verbringt er den Rest der Nacht in einer Telefonzelle, um sich morgens wieder unbemerkt unter seine Kameraden zu mischen.

Schon ein Jahr später ist der Krieg aus. Hans-Georg gerät in amerikanische Gefangenschaft, flüchtet und schlägt sich nach Hause durch. Der Vater ist verschollen, die Mutter schwerkrank. Er muss sich um die Bäckerei kümmern, baut den Betrieb wieder auf, hat bald ein Dutzend Angestellte und ist so erfolgreich, dass die neuen Machthaber misstrauisch werden. Zu viel Eigeninitiative, zu wenig Kollektivbewusstsein. Zudem beteiligt sich dieser Ungenosse an Motorradrennen.

Für seine Rennvehikel tauscht er Butter gegen Buntmetall ein, damit kann man auf dem Schwarzmarkt in West-Berlin Zündmagneten besorgen. Einer seiner Angestellten verleumdet ihn, und die Stasi nutzt die Chance, Hans-Georg Krage eine Lektion zu erteilen. Er kommt ins Gefängnis, in die berüchtigte „rote Burg“ von Bautzen, wegen Schieberei und unerlaubten Waffenbesitzes. Es folgen weitere Aufenthalte hinter Gittern. Er wiegelt seine Mithäftlinge zum Streik auf und muss für neun Monate in Einzelhaft. Fünf Jahre Freiheitsentzug zählt Hans-Georg Krage, als er nach West-Berlin entlassen wird. Die DDR hat ihn einfach ausgespuckt. Sein Haus, die Bäckerei, die Freunde – alles futsch.

Einer wie er redet nicht darüber, wie schwer es war, im Westen Fuß zu fassen. Was zählt, ist nur das Resultat. Auf der Habenseite stehen die Familie, die Werkstatt für Porscheveredelung und der Sport. Hans-Georg Krage gründet den Berliner Motorrennsport-Club, baut die Nachwuchsförderung auf, erfindet eine neue Startordnung, damit nicht mehr so viele schlimme Unfälle passieren. Die Schraube eines Rennmotors arbeitet wie ein Pürierstab.

Hans-Georg Krage hatte auch Unfälle; ihm ist bloß nie was passiert. Er hielt sich eigentlich für unverwundbar. Sein großes Sportlerherz würde ihn schon durchbringen, dachte er. Und diese Sache mit der kriegsverletzten Beinarterie – „das geht schon“. Seine Frau schüttelt mit dem Kopf. „Er konnte eben nicht stillsitzen.“

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