Wirtschaft : Hans-Georg Lachmund

(Geb. 1933)||Er habe „irrtümlich in den falschen Korb gegriffen“, hieß es.

Stephan Reisner

Er habe „irrtümlich in den falschen Korb gegriffen“, hieß es. Man konnte sich richtig mit ihm fetzen“, sagt eine ehemalige Mitarbeiterin, „anderntags, brachte er Friedensgeschenke mit.“ Gut erinnert sie sich an den Zigarrengeruch, der ihr beim Betreten des Fahrstuhls von St. Canisius immer entgegenschlug. Pater Lachmund war ein Genussmensch; er trank auch gern ab und an einen guten Rotwein. Sein Platz im Himmel sollte dadurch nicht gefährdet sein.

Er besaß eine markante Tolle, von der schwer zu sagen ist, ob sie von Natur aus widerspenstig oder nur durch Windstöße leicht aus der Form zu bringen war. Man könnte sie als ambivalent bezeichnen, so wie Pater Lachmunds Charakter. Es ist wie mit diesem Foto von ihm: Ist das ein freundlicher, etwas pausbäckiger Geistlicher oder ein ehemaliger Rock ’n’ Roller, getarnt mit schwarzem Talar und großer Brille?

Schon früh war er ein Anhänger der Ökumene: „Tun, was uns eint!“ Dazu gehörte, den einen oder anderen konfessionellen Verhaltensgrundsatz zu sprengen. Man erinnert sich an den Besuch eines evangelischen Gottesdienstes in den siebziger Jahren, bei dem er ein evangelisches Brot zum Abendmahl verköstigte. Katholische Würdenträger waren entsetzt. Pater Lachmund habe „irrtümlich in den falschen Korb“ gegriffen, hieß es schließlich intern. „Die können nicht anders“, kommentierte er diese katholische Art der Bedeutungskehre.

Mit 19 Jahren trat Hans-Georg Lachmund in den Orden der Jesuiten ein. Und schon damals soll er sich nicht immer an die Schweigepflicht gehalten haben. Einmal stritt er mit einem Mitbruder zwischen Tür und Angel über ein theologisches Problem, bis dieser echauffiert die Zellentür zuknallte. Da sahen sich beide durch einen Spalt im rissigen Holz ins Gesicht und lachten gemeinsam los. Den Oberen des Klosters diente die Szene als Lehrbeispiel für die heilende Kraft durch Versöhnung – weshalb sie die übrige Klostergemeinschaft per Klingel zusammenriefen und allen von dem Vorfall berichteten.

Als Jesuitenpater der Societas Jesu unterstand Pater Lachmund unmittelbar dem Papst. Doch mindestens so deutlich wie die Rufe aus Rom vernahm er jene aus der übrigen Welt, insbesondere der Dritten. Als Pfarrer von St. Canisius initiierte er Informationstage des Hilfswerkes Misereor. Nicht nur seine Gemeinde sollte wissen, für welche Projekte der Klingelbeutel durch die Reihen ging. Bei dem einen oder anderen Gemeindemitglied eckte er mit seiner engagierten Haltung wohl an, zumal er weitere ungewohnte Techniken der Lebens- und Glaubensvermittlung anwandte. Zu Heiligabend projizierte er ein Südseebild von Gauguin an die Kirchenwand, um die Weihnachtsgeschichte zu illustrieren. Im Fernsehen sprach er das Wort zum Sonntag und im Radio die Worte für den Tag.

Viele Jahre war er Beauftragter der Ausländer-Seelsorge in Berlin. Er half Müttern, deren Kinder von den Vätern ins Ausland entführt worden waren, und hörte Menschen zu, die andere nicht einmal anschauen mögen. Mitte der Neunziger übernahm er das Rektorat der Kirche von Maria Regina Martyrum nahe der Gedenkstätte Plötzensee. Intensiv widmete er sich von da an der Frage des Widerstands im Dritten Reich. Themen, die während seiner Studienjahre der Theologie und Philosophie in München und Frankfurt selten diskutiert worden waren, stellte er nun in den Mittelpunkt. Er knüpfte Kontakte zu den Erben des Kreisauer Kreises – es war ihm wichtig, junge Menschen daran zu erinnern, auf welcher Vergangenheit ihre Gegenwart beruhte, dass Vergebung und Neubeginn möglich sind.

„Wir sind Papst“: Das waren für ihn nur noch Worthülsen aus einer anderen Welt. Nach langer schwerer Krankheit wechselte Pater Lachmund in höhere Ränge – diversa loca peragrare, viele Orte sollst du durchwandern, so eine Ordensregel der Jesuiten.

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