Wirtschaft : Hans Höppner

(Geb. 1929)||Unten zu konservativ, oben zu radikal. Er nahm es sportlich.

Anne Jelena Schulte

Unten zu konservativ, oben zu radikal. Er nahm es sportlich. Wer über Hans Höppner spricht, spricht über das „Spandauer Volksblatt“. Mit dem „Spandauer Volksblatt“ wurde er groß, und gemeinsam beendeten sie ihre Karriere.

Hans Höppner war, wie viele Spandauer, ein bodenständiger Typ. Mit 16 Jahren hatte er in dem kleinen Familienverlag, der das „Spandauer Volksblatt“ herausbrachte, eine kaufmännische Lehre begonnen und auf dem Sportplatz seine ersten Artikel recherchiert Auch als er 1962 Chefredakteur der Zeitung wurde, blieb er seinen Gewohnheiten treu: Mittags lieber Currywurst als Pasta, zum Feierabend hin die eine oder andere Dose Bier aus dem Automaten und manchmal eine Runde Chicago oder Skat in der Kneipe. Seine Lieblingsthemen waren Sport und die Ostpolitik Willy Brandts.

Anders als der Titel vermuten lässt, war die Zeitung weit mehr als eine mit Klatschgeschichten aufgefüllte Anzeigensammlung. Sie hatte eine vollständige Redaktion mit Ressorts für Politik, Sport, Kultur und Lokales, mit ihrer Auflage von 30 000 Exemplaren war sie marktführend. In Spandau.

Wenige Jahre nach seiner Ernennung zum Chefredakteur machten sich einige langhaarige Absolventen der FU auf den Weg zu ihm. Sie kamen, um aus der Bezirkszeitung das Gegenblatt zur Springer-Presse zu machen. Hans Höppner, aufgeschlossen und diskutierfreudig, gab ihnen Redakteursverträge, auch wenn von nun an seine Hauptaufgabe darin bestand, die Treppen im Zeitungsgebäude hinauf- und wieder hinunterzurennen: Im ersten Stock saßen die jungen Schreiber, die sich wünschten, dass das Blatt in einer scharfen Linkskurve Spandau verlassen und in die Briefkästen von Kreuzberg, Charlottenburg und Schöneberg flattern möge. Mit ihnen diskutierte er den Sozialismus, den Trotzkismus, die Kulturrevolution, wobei sein Standpunkt immer der des 15 Jahre Älteren, Besonnenen war. Immerhin, er stimmte zu, dass man die RAF „Gruppe“ nannte und nicht „Bande“, und dass man die DDR ohne Anführungszeichen schrieb.

Im zweiten Stock saß die Verlegerin, eine resolute Witwe und Mutter von drei Söhnen. Ihre Sorge galt den Spandauer Anzeigenkunden, die ihr zwei Drittel der Einnahmen sicherten.

Denen unten war er viel zu konservativ. Dem Stab oben war er viel zu radikal. Er nahm es sportlich.

Seine Kommentare zur Ostpolitik und die Reportagen seiner Mitarbeiter brachten das „Spandauer Volksblatt“ oft in die Pressespiegel Westdeutschlands und manchmal auch in die der DDR.

Eine große Kundschaft jenseits von Spandau hat die Zeitung sich dennoch nie erworben. Vielleicht lag es daran, dass die Verlegerin lieber in Gewinnspiele für die Spandauer Leser als in Studentenabonnements investieren wollte. Vielleicht hat auch Hans Höppner selbst nicht hart genug um den großen Markt gekämpft, denn auch er wollte das Spandauer Milieu nicht vernachlässigen. Es gefiel ihm, dass er auf der Straße respektvoll gegrüßt wurde, dass man sich in den Kneipen zu ihm setzte, um mit ihm die Lage oder auch die Ligen der Welt zu diskutieren.

Doch die Rotations- und die Fotosetzmaschinen, all das stand seit beinahe vierzig Jahren und musste irgendwann erneuert werden. Dafür reichte das Geld aus Spandau allein nicht aus. Anfang der achtziger Jahre verkündete die Verlegerin, inzwischen neu verheiratet mit einem Coca-Cola-Manager, dass Springer sich an der Zeitung beteiligen werde.

Hans Höppner und mit ihm viele Abonnenten heulten auf. Die Beteiligung liege doch nur bei 18,9 Prozent, und die redaktionelle Unabhängigkeit bleibe gewahrt, schnurrte Springer. Ein paar Jahre ging es tatsächlich weiter wie zuvor. Bis 1989.

Ausgerechnet jetzt, als der Osten sich zu öffnen begann, als sich für Höppners journalistische Biografie ein spannendes und logisches Schlusskapitel ergeben sollte, stockte Springer seine Beteiligung auf und diktierte der Zeitung einen neuen Stil, nah am Boulevard. Im September 1989 reichte Hans Höppner seine Kündigung ein.

Der Plan, das Spandauer Volksblatt zur führenden Zeitung des Havellandes zu machen, ging nicht auf. 1992 wurde aus der Tageszeitung eine wöchentlich erscheinende Anzeigensammlung, aufgefüllt mit Klatschgeschichten, kostenlos.

Und Hans Höppner? Er hatte jetzt einen Beratervertrag bei Rias TV und schrieb ab und an Kolumnen für verschiedene Zeitungen. Doch spürte er, dass seine Zeit vorbei war. Nur der Sport, mit seinen klaren Regeln, der ging immer weiter, hier fühlte er sich zu Hause, als Spieler und als Beobachter. Er starb an Herzversagen.

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