Wirtschaft : Hans im Glück: Maschinenmesser als Exportschlager

JÖRN HASSELMANN

Wirtschaftsinitiative "wir." vergibt heute Exportpreise an erfolgreiche Ost-Unternehmen / Exportquote in Ostdeutschland noch geringVON JÖRN HASSELMANN

Schulkinder lieben es gar nicht, wenn ihnen die Lehrerin einen Musterknaben vorführt, an dem sie sich bitteschön ein gutes Beispiel zu nehmen haben.Aber was Schüler Hänschen empörend fand, kann dem Unternehmer Hans sehr nützlich sein.Die "Wirtschafts-Initiative für Deutschland", abgekürzt: "wir.", gibt Unternehmen gute Beispiele ­ und die sind begehrt.Seit 1993 hilft der Verein ­ hinter dem von Allianz bis VW eine Vielzahl renommierter Unternehmen steht ­ ostdeutschen Unternehmen auf die wirtschaftlichen Beine.Die 1993 begonnene Einkaufsoffensive Ost wurde im vergangenen Jahr zur Exportoffensive ausgedehnt. Bringt der Verein einen Unternehmer aufs Podium, der erfolgreich exportiert, "dann wird der regelrecht mit Fragen gelöchert", erklärt Swantje Küttner von "wir".Die vier Firmen, die der Verein jetzt für ihre Erfolge mit dem "Exportpreis für die ostdeutsche Wirtschaft" gekürt hat, sollen auch dies sein: Vorbild für die anderen.Eines dieser Unternehmen, die am heutigen Freitag den erstmalig vergebenen Preis aus der Hand von Bundeswirtschaftsminister Rexrodt entgegennehmen, ist das Brandenburger Unternehmen BE Maschinenmesser aus Spreenhagen.Hergestellt werden seit 1993 Maschinenmesser für die Fleischindustrie, ein "klassisches Nischenprodukt", wie Exportchefin Kerstin Thomsen sagt.Das Unternehmen beschäftigt 15 Mitarbeiter, und hat ziemlich genau die Hälfte des diesjährigen Umsatzes von 3,8 Mill.DM im Ausland erwirtschaftet.1996 lag der Umsatz noch bei drei Mill.DM.In 20 Staaten werden die 3000 verschiedenen Typen an Wurst- und Fleischmaschinenhersteller verkauft.Etwa die Hälfte des Exports geht nach Europa, der Rest vor allem nach Japan, Australien, USA und Lateinamerika.Die Zahl der Mitbewerber ist gering, jeweils einer befindet sich in Westdeutschland, Frankreich, Spanien und Japan.Verblüfft durch den Ost-Erfolg ist vor allem der bisherige westdeutsche Monopolist dieser Nische in Remscheid, die Treif GmbH.Der hohe Preis des Einzelstücks, etwa 350 DM, und die komplizierten Legierungen machen die BE-Messer zur "Nische".Für sie ist selbst der Markt in Europa zu klein, und so erklärt sich die Ausdehnung in alle Welt.Aber nicht nur im Vertrieb zeigt sich BE flexibel, auch im Produkt.Da die Vegetarierwelle größer wird, werden nun auch Schneidmesser für Gemüse produziert.Für die Zukunft strebt BE "ein kontinuierliches Wachstum" an, im kommenden Jahr soll der Umsatz um 0,5 Mill.DM steigen und dann auch zum ersten Mal Gewinn abwerfen."Ebenso kontinuierlich soll auch der Export in Zukunft wachsen", sagt Kerstin Thomsen. Das Spreenhagener Unternehmen ist angesichts der allgemeinen Exportschwäche in den neuen Ländern mit seiner 50prozentigen Exportquote tatsächlich ein Musterbeispiel.Nach den Zahlen des Bundeswirtschaftsministerium gehen nur 12 Prozent der Industrieumsätze in den neuen Bundesländern in den Export; im Westen sind es demgegenüber etwa 30 Prozent.Da ein Teil des Exports über westdeutsche Mütter abgerechnet wird, geht "wir." von 21 Prozent Exportquote in den neuen Ländern aus; fünf Prozent davon in die östlichen Nachbarländer.36 Prozent gehen in die alten Länder, deutlich mehr, 43 Prozent, bleiben zwischen Elbe und Oder.Diese Zahlen stammen aus einer Umsatz-Befragung von 3800 Unternehmen der neuen Länder, die das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in diesem Jahr im Auftrag des Wirtschaftsministeriums erstellt hat. "Die Exportschwäche ist im Vergleich zu Westdeutschland immer noch eklatant", sagt Karl Brenke vom DIW.Vergleichsweise gut seien nur die Achsen Erfurt-Leipzig-Dresden und Berlin-Magdeburg sowie das Berliner Umland dran.Schlecht sei dagegen die Lage in Brandenburgs Süden und den agrarisch geprägten Regionen der neuen Länder.Selbst die Grenzgebiete Polens und Tschechiens können ihre Lage zu den Märkten im Osten nicht nutzen und exportieren weniger als die Betriebe im ehemaligen Zonenrandgebiet.Generell geht es nach Einschätzung DIW-Experten Brenke zwar bergauf mit dem Export, jedoch sei die Basis noch viel zu schwach."Wir müßten dreimal soviel Industrie haben auf den Einwohner berechnet." Sein Zahlenbeispiel zeigt den Nachholbedarf: 20 Prozent der Deutschen wohnen in den neuen Ländern, die nur zehn Prozent der Wirtschaftskraft haben und sogar nur sechs Prozent der Industrieproduktion.Ganz am Ende steht der Export: nur zwei bis drei Prozent des deutschen Gesamtexports stammen aus dem Osten.An dieser Schwäche setzt "wir." mit der Exportoffensive an.In vier westeuropäischen Ländern wurden 1997 Lieferantenforen ausgerichtet, in Paris, Wien, Luzern und Utrecht.Denn noch halten fehlende Sprachkenntnisse viele Unternehmer vom Schritt über die Grenze nach Westen ab ­ viele sprächen immer noch nur russisch, meint Swantje Küttner von "wir.".Folglich orientierten sich viele Betriebe immer noch nach Rußland, obgleich das Land wesentlich "schwieriger" sei. Trotz dieser Zahlen haben sich über 100 Unternehmen auf den Exportpreis der "wir" beworben; 26 kamen in die Endauswahl.Die Konzepte aller Betriebe wurden nach einem Punktesystem durch die deutsche Außenhandelskammer, die reiche Erfahrung in der Absatzförderung für die neuen Länder hat, streng wissenschaftlich bewertet.Sieger (mit 10 000 DM Preisgeld) wurde die Rottluff Schleifscheibenfabrik GmbH aus Chemnitz in Sachsen.Hinter der BE Maschinenmesser GmbH teilen sich die Asglawo GmbH in Sachsen und die POG Präzisionsoptik GmbH aus Thüringen den dritten Preis.Die Preise werden am Sonnabend vom Schirmherren des Exportpreises, Günter Rexrodt, und "wir."-Chef Edzard Reuter in Berlin übergeben.

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