Wirtschaft : Hans Joachim Steinecke

Geb. 1952

Stephan Reisner

Beim Staub wischen ACDC, mit der Tochter zu New Kids on the Block. Zwei Temperamente besaß er: ein sportlich-kämpferisches und eins der inneren Ruhe und ungebrochenen Hilfsbereitschaft. Ernsthaft in die Quere gekommen sind sie sich nie. Im Grunde unterstützten sie sich sogar.

Bereits mit 23 Jahren beendete „Hanne“ Steinecke eine viel versprechende Fußballerkarriere. Er liebte den Fußball sehr, aber seine Familie liebte er noch mehr. Damals spielte er für Blau-Weiß 90 in der höchsten Amateurliga um den Aufstieg in die Bundesliga. Auf der einen Seite versprach das ein respektables Taschengeld und eine gewisse Popularität, auf der anderen vier Mal wöchentliches Training, jeden Sonntag ein Punktspiel – und alles neben dem Ganztagsjob als Fernmeldetechniker.

Nach dem Spiel ist vor dem Spiel – schon als Kind hatte Hanne erfahren, auf welche Bahn ein Familienleben geraten kann, wenn der Fußball alles bestimmt. Seine Sozialisation vollzog sich quasi auf dem Sportgelände. Sein Vater war ein Fußballverrückter, der seine Söhne durch alle Jugendklassen führte und von der Seitenlinie taktische Hinweise gab. Seine Mutter indessen wusch zu Hause die Trainingswäsche. Anschließend nahm sie die Tochter an die Hand und folgte dem Rest der Familie auf den Platz.

Hanne, das große Liberotalent, zeugte nicht nur zwei Töchter und durchbrach damit die Familienlinie großer Fußballsöhne, sondern er durchkreuzte auch auf dem Rasen so manche Angriffsbemühung. Doch einmal verlor er den Überblick und kam eine Viertelsekunde zu spät. Es war an einem Sonntag, 1973. Markerschütternd krachte es durchs Stadion. Er hatte das Schussbein eines Gegenspielers erwischt. Mit Schienbeinbruch wurde der vom Platz getragen. Hanne sah die gelbe Karte – und die Zuschauer sein leichenblasses Gesicht. Im Krankhaus bat er den Spieler und dessen Frau inständig um Verzeihung.

Im Leben blieb er seiner Zeit immer einen Schritt voraus. Als 1978 die zweite Tochter geboren wurde, verblüffte er seine Arbeitskollegen mit einem Antrag auf vorübergehende Halbtagstätigkeit. „Wie? Du willst mit deinen Töchtern mehr Zeit auf dem Spielplatz verbringen? Du willst mehr im Haushalt machen? Und deine Frau will auf jeden Fall arbeiten gehen?“

„Er war ein richtiger Mädchenpapa, der immer für einen da war“, sagt die Tochter. Für seine Hilfsbereitschaft war er weit über den Familienkreis berüchtigt. Ein Umzug, eine Renovierung, eine verzwickte Lebenssituation – Hanne hatte für jeden ein offenes Ohr. Selbst zum „New Kids on the Block“-Konzert begleitete er seine jüngste Tochter. Für einen, der zeitlebens ein 15 Zentimeter langes Haarschwänzchen zum Fassonschnitt trug und zum Staub wischen am liebsten ACDC oder Metallica hörte, wahrlich kein geringes Entgegenkommen.

Als ihm die Ärzte Mitte der Achtziger rieten, wegen leichter Arthrose das Fußballspielen ganz aufzugeben, begann er Marathon zu laufen. Der erste Berlin-Marathon nach der Wende wurde für ihn zur prägenden Erfahrung. Er lief durch das Brandenburger Tor und spürte, wie sich jegliche Ost-West-Spannung im Takt der über den Asphalt fliegenden Schritte wie von selbst auflöste. Nicht wo einer herkommt, war für ihn entscheidend, sondern wie jemand auftritt.

Als die Schmerzen in den Gelenken größer wurden, musste er auch das Laufen aufgeben. Da stieg er um aufs Rennrad und strampelte systematisch das Berliner Umland ab.

Einmal ist ihm ein unverhältnismäßig ruppiger Satz rausgerutscht: „Da führt man all die Jahre ein aufrichtiges, gerades Leben, raucht nicht, trinkt nicht, hält sich fit, und dann zieht man mit einem Mal die Arschkarte!“ Im April 2005 stellte man eine seltene Knochenmarkserkrankung bei ihm fest. Die Ärzte gaben ihm noch eineinhalb Jahre. Eine Chance bestünde in einer Knochenmarkstransplantation, sagten sie. Ohne Garantie.

Ein Schicksal annehmen, ohne aufzugeben – das, sagte die Tochter auf der Trauerfeier, habe ihr Hanne in den letzten Wochen noch einmal gezeigt.

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