Wirtschaft : Hans-Jürgen Brose

Geb. 1943

Bettina Andrae

Er war kein Berliner. Er war etwas Besseres. Er war Ostpreuße! Schloap, min Kindke, lange/ De Voader öß utgegange / nu steiht er doa öm kole Wind / hätt e Klocke on klingert fert Kind.“ Die ostpreußische Weise verarbeitete Hans-Jürgen Broses Freund und Kunde, der Komponist Fried Walter in der Kantate „Heimatliebe“.

Hans-Jürgen Brose kam 1943 in Königsberg zur Welt. Er war ein Jahr alt, als seine Mutter mit ihm und seiner Schwester nach Westen flüchtete. Der Vater war in Gefangenschaft. Eigentlich wollten sie sich auf der „Wilhelm Gustloff“ einschiffen. Die aber war so voll, dass sie die „Leda“ nehmen mussten.

Nach Kriegsende stieß der Vater wieder zur Familie, Hans-Jürgen wurde in Berlin Charlottenburg groß. Später legte er großen Wert darauf, Ostpreuße zu sein und kein Berliner. Der Vater bekam keine Stelle in seinem Beruf als Filmvorführer und wurde stattdessen Sachbearbeiter bei der BfA. Seinem Sohn schenkte er die erste Kamera, eine Voigtländer.

Eigentlich wollte Hans-Jürgen Automechaniker werden, doch seine Mutter sah sich seine schlanken Hände an und fragte: „Damit willst du Autos schrauben?“ Sie vermittelte ihm eine Frisörlehrstelle. Von da an schnitt er hauptamtlich Haare und fotografierte nebenamtlich schöne Frauen.

Seine Tochter sagt: „Papa hatte immer eine Vision von einer guten Frisur, so wie er genaue Vorstellungen von guten Fotos hatte. Außerdem war er charmant und konnte allen alles verkaufen.“ Auf der Straße habe er die Leute angesprochen: „Sie brauchen mal einen neuen Haarschnitt!“ Dann wurden die Termine gemacht. Im Krankenhaus riet er einer Zimmernachbarin noch, sich das Haar kurz und fedrig schneiden zu lassen.

Schöne Frauen, denen er in seinem Salon in Dahlem die Haare geschnitten hatte, bat er hin und wieder um Erlaubnis, sie zu fotografieren. Eine davon heiratete er auch gleich. Da er Kurzhaarschnitte liebte, trug sie das Haar fortan selbstverständlich kurz.

Mit seinem Unterhaltungstalent konnte er jede Party retten, schwärmt seine Frau. Sie zeigt ein Jugendbild: Hans-Jürgen mit weit aufgeknöpftem Hemd an ein Motorboot gelehnt, Beine leger überkreuzt, gewinnendes Lächeln. James Dean!

Es kamen ein Sohn, eine Tochter, ein Haus in Zehlendorf. Er hatte seinen eigenen Frisiersalon, schnitt Professoren und Künstlern die Haare. Aber der große Wurf wollte ihm nicht gelingen, der Durchbruch, der Ruhm, und sei es mit der Entwicklung eines Shampoos. Es zog ihn zu Höherem, gesellschaftlicher Anerkennung. Wie gern hätte er es gesehen, wenn seine Frau Unterwäschemodell bei Triumph geworden wäre. Er hatte einen Kunden mit dem entsprechenden Einfluss. Aber da die Frau nur 160 Zentimeter groß war, konnte selbst der nichts machen.

Da fotografierte der Frisör sie eben selbst. So wie Helmut Newton es mit seiner Frau tat. Dessen Lehrling hätte man sein müssen!

Wenigstens seine Tochter sollte Fotografin werden, fand er. Doch die wollte lieber Lehrerin werden. Das gab Stoff für Konflikte. Er hatte immer seine Meinung, Widerspruch war nicht vorgesehen. „Wir haben uns da dann ein bisschen angepasst“, sagt seine Frau und lächelt.

Der erste Schlaganfall kam 1989, der zweite 1996. Bluthochdruck, linksseitige Lähmung, Diabetes, 2002 das Melanom am Kopf, das ihn wie Gorbatschow aussehen ließ. Die Metastasen, der Tumor, die Demenz, die Unleidlichkeit, das Morphium. Hirnschlag attestierte der Arzt. „Einfach umgefallen“, sagen Frau und Tochter. „Zu diesem Zeitpunkt war alle Energie aufgebraucht, auch unsere.“ Die Tochter sagt, er habe sich nicht mit seiner Krankheit auseinander gesetzt und erst ganz zum Schluss seinen Frieden gemacht. Dass der Papst einen Tag nach ihm ging, das hätte ihn wohl gefreut.

Auf die Frage nach seinem Befinden fiel die Antwort immer kurz aus: „Ich hab’ nichts.“ Oder: „Mir geht’s gut!“ Preußisch eben. Ostpreußisch.

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