Wirtschaft : Hans-Jürgen Treder

(Geb. 1928)||Mathematik ist Eros, alles vereinnahmender Eros.

Gregor Eisenhauer

Mathematik ist Eros, alles vereinnahmender Eros. Er schien einem Märchen E. T. A. Hoffmanns entsprungen zu sein: Krumm, stotternd, scheu. Knochenbrüchig im Alter, weil er lebenslang das Licht scheute. Zahnlos, denn die Zähne faulten ihm heraus, weil er sich vor dem Zahnarzt ängstigte, vor Ärzten generell, die ihn alle verkrüppeln wollten. Der Körper, das war augenscheinlich, diente ihm nur für den Transport des Kopfes.

Im Alter ging er am Stock in kleinen und großen Kreisen in seiner Wohnung umher, die er nur noch selten verließ. Er lebte auf dem Gelände der Sternwarte Babelsberg, anfangs in der Direktorenvilla, dann in einem der unregelmäßig geheizten Mitarbeiterhäuser. Eine „Bedienerin“, wie er sie nannte, kümmerte sich um ihn. Sie häkelte auch sein alljährliches Weihnachtsgeschenk, ein neues Gewand für den Bären Piefke, den „Urbären“, der inmitten zahlreicher anderer Kuschelbären in allen Größen und Lebensaltern auf dem Sofa thronte.

Hans Jürgen Treder besaß keinen Computer, keine Schreibmaschine und konnte nur mit Mühe telefonieren.

Hans-Jürgen Treder war ein Genie.

Im Krieg, als Kurier beim Volkssturm prägte er sich dank seines fotografischen Gedächtnisses mit einem Blick die Verhaftungslisten der Gestapo ein und warnte so die Betroffenen.

Als der Krieg zu Ende war, führte sein erster Weg zu Werner Heisenberg, dem er sich schon einmal vorgestellt hatte, als Vierzehnjähriger, mit einer neuen physikalischen Theorie. Heisenberg, seinerzeit schon Nobelpreisträger, lud den Halbwüchsigen zum Essen ein und machte sich die Mühe der Widerlegung.

1962 habilitierte Hans-Jürgen Treder, 1963 wurde er Professor für Theoretische Physik an der Humboldt-Universität. Er veröffentlichte knapp 500 Beiträge und zwanzig Monographien. Dem Laien unverständliche Texte. Er sandte seine Beiträge auf Zetteln, in enger Handschrift so unleserlich geschrieben, dass die Redakteure und Lektoren sie nur mit Mühe entziffern konnten. In der Mathematik ist die Anerkennung von Kompetenz keine Verhandlungssache von Sympathie und Antipathie. Jeder Fachmann wusste, welche Bedeutung Treders Tun hatte. Er war ein Pionier.

Etwas entdecken heißt, ein Erlebnis empfinden. „Je nach Art und Weise der Beschaffenheit der Person als göttliche Offenbarung, als Liebeserleben, bis sogar zum Erguss“, gestand er Gabriele Goettle, die ihn in ihrem Buch „Experten“ porträtiert hat. „Bis zum Erguss jawohl. Und da eine Maschine nicht in der Lage ist, erotische Erlebnisse zu haben, kann sie auch keine mathematischen Entdeckungen machen.“

Mathematik ist Eros, alles vereinnahmender Eros. Treder hatte nie eine Frau. Von allem Leiblichen distanzierte er sich. Unvorstellbar, mit ihm auf engstem Raum zu leben. Nur seiner Mutter blieb er eng verbunden, zeigte sich infantil, verblieb im Status künstlicher Kindlichkeit, das erhielt ihm die ungeheure Neugier.

Die Staatsführung der DDR wusste, was sie an ihm hatte. Er unterlag keinen Reisebeschränkungen, verfügte über einen Volvo mit Chauffeur, und seine Mutter, die im Westen blieb, erhielt einen Dauerpassierschein, denn Treder legte Wert darauf, dass sie ihm Tag für Tag seinen Griesbrei brachte.

Natürlich musste auch er den wissenschaftlichen Kotau machen, Dank an Lenin, Stalin und das ZK, aber da geriet er erst recht ins Stottern. Er bemerkte, dass ihm diese Sprüche besser von der Zunge gingen, wenn er vorher einen Schnaps trank. Es blieb eine Zeit lang Gewohnheit. Treder wurde auffällig. Er erschien in indezenter Kleidung, empfing international renommierte Kollegen in Unterhosen.

Karl Popper nahm daran keinen Anstoß, er ließ sich von ihm in Physik unterrichten, führte mit ihm einen Briefwechsel, wurde zum Freund, und scherzte: „Dass Sie Marxist sind, kann ich Ihnen nachsehen, aber dass Sie Platoniker sind, das sehe ich Ihnen nie und nimmer nach.“ – „Und was ich Ihnen nicht nachsehe“, retournierte Treder, „dass sie dogmatischer Nichtdogmatiker sind.“

Weitere Ehrungen: Er erhielt den Staatspreis, man ernannte ihn zum Direktor des Einstein-Laboratoriums für Theoretische Physik. Aber dass er im Osten blieb, lag nicht daran, dass er staatstreu war, er war traditionstreu, mit Stolz Mitglied in der von seinem großen Vorbild Leibniz gegründeten Akademie der Wissenschaften.

Zu Treders siebzigstem Geburtstag fanden sich elf Nobelpreisträger in einer Festschrift zusammen. Dieses internationale Renommee nützte ihm hierzulande wenig, den wissenschaftlichen Ränkespielen nach dem Mauerfall war er hilflos ausgeliefert. Aber dank seiner Bedürfnislosigkeit scherte ihn die, anfangs demütigend niedrig angesetzte Rente wenig, er arbeitete weiter.

Inhaltlich lässt sich sein Tun nur schwer vermitteln, methodisch schon. Mit den Teilchenbeschleunigern und Murmelspielern der Physik verband ihn wenig, er war Platoniker, traute dem Augenschein nicht, auch nicht der methodischen Selbstbeschränkung. Er suchte die lagerübergreifenden Gespräche, die es erlauben, die Scheinprobleme der Wissenschaft gemeinsam zu erörtern – und auszumerzen, was nicht immer einfach ist: Ein Barbier rasiert alle Männer seines Ortes, die sich nicht selbst rasieren. Rasiert er sich selbst?

Was man erforscht, entscheidet nicht das Experiment, sondern die Fragestellung. Und Wissenschaft, wie Treder sie verstand, war die Kunst, sinnvolle Fragen zu stellen, grundlegende Fragen: „Warum ist das Atom so klein und das Universum so groß?“

Die Welt im Kopf des Einen. Unsereiner kann den Verlust nicht ermessen, den Treders Tod für die Wissenschaft bedeutet, seine Schüler schon: Mit ihm, so sagen sie, hat die Physik ihr Gedächtnis verloren.

0 Kommentare

Neuester Kommentar