Wirtschaft : Hans-Oskar Baron Löwenstein de Witt

Geb. 1926

Kerstin Decker

Als er und sein Vater nicht heimkamen, ging die Mutter zur Polizei. In der letzten Stunde hatten sie Deutsch bei Herrn Levin. Die Klasse las Rilkes Gedicht „Herbsttag“. Es war der 18. September 1941. Am Stundenende las Herr Levin „Herbsttag“ noch einmal. Und dann sagte er, dass keiner vergessen dürfe, morgen den Stern zu tragen.

Hans-Oskar Baron Löwenstein de Witt lief nach Hause, eine halbe Stunde bis in die Mommsenstraße, Charlottenburg. Früher hatte er mal in Potsdam gewohnt, im Palais Lichtenau. Er hätte den Ku’damm entlang gehen können, aber Juden durften den Ku’damm nicht benutzen. Kurz vor seinem Haus stand der Glaskasten mit der neuen Ausgabe des „Stürmer“. Er hatte jetzt keine Lust den „Stürmer“ zu lesen, er kam gerade von Rilke, außerdem stand Haus- und Blockwart Kalinski vor dem Kasten. Der sagte zu den „Stürmer“-Mitlesern ringsum: „In meinem Block wohnt immer noch dieses jüdische Ungeziefer.“

Am nächsten Morgen stand Hans-Oskar früher auf als sonst und schaute hinunter auf die Straße. Er sah die ersten Menschen mit dem Davidstern auf den Mänteln. Sein Vater trug auch einen, als er aus dem Haus ging. Zehn Pfennige hatte er gekostet. Heute kam Hans-Oskars Mutter fast den ganzen Weg mit zur Schule. Als Hans-Oskar die Schule in der Joachimstaler Straße betrat, wusste er noch nicht, dass er nie wieder eine Rilke-Stunde bei Herrn Levin haben würde. Tote müssen keine Sterne tragen. Die Toten, wusste Herr Levin, sind frei.

Hans-Oskar Baron Löwenstein de Witt sah seine Mutter immer wieder an. Sie wirkte plötzlich so fremd. Sie trug keinen Stern. Sie war eine Baronesse, holländischer Adel, die de Witts waren Freiheitskämpfer gegen die spanische Fremdherrschaft. Die Baronesse spürte in sich keine Freiheitskämpferimpulse, allerdings war sie nicht davon abzubringen gewesen, den Herrn Löwenstein zu heiraten, nicht adlig und auch noch Jude. Willy Fritsch, der Lilian-Harvey-Fritsch, Mommsenstraßen-Mit- Mieter, hielt sie im Hausflur an: „Ich werde Sie nun nicht mehr grüßen können! Sie haben doch Verständnis!“

Als irgendwann mitten in der Nacht ein SS-Mann ihren Eisschrank kontrollieren kam, dachte sie kurz, dass Menschen ihrer Herkunft gewöhnlich nicht jedem ihre Küche zeigen müssen. Der SS-Mann fand einen Fisch und konfiszierte ihn. Sie wisse doch, dass Fische in jüdischen Haushalten verboten seien. Weiterhin verboten waren Blumen, Telefonanschlüsse, Zeitungen, der Besuch von Cafés, Theatern und Kinos sowieso, auch der Aufenthalt in Parks oder Bädern. Und außerdem der Besitz von Spielzeug. Als ein SA-Mann die Modell-Eisenbahn mitnahm – eine Modelleisenbahn, die gerade so in zwei Mommsen-Straßen-Zimmer passte –, wusste Hans-Oskar, was er schon lange wusste: Das ist nicht normal! Würde seine Mutter sich scheiden lassen, wäre er, Hans-Oskar, plötzlich „Vollarier“ und würde auf die „Napola“, die nationalsozialistische Eliteschule, gehen statt zur Zwangsarbeit.

Schulbücher gab es für Juden schon lange nicht mehr, aber dann stürmten SS und Gestapo auch noch seine Schule. „Hans-Oskar Israel Löwenstein de Witt, Mischling 1. Grades, Geltungsjude, geboren am 22. Juni 1926“, las ein Gestapomann auf seiner Karteikarte. „Also fast vierzehn bist du? Da wollen wir dich mal zum Amt für Judenarbeiter schicken!“

Mit vierzehn Jahren wurde er Zwangsarbeiter in der Deutschen Waffen- und Munitionsfabrik am Eichborndamm. Am 27. Februar 1943 kamen er und sein Vater von der Arbeit nicht nach Hause. In jüdischen Familien war das in diesen Tagen nicht ungewöhnlich. Goebbels ließ gerade die Juden Berlins deportieren. Die Baronesse Löwenstein de Witt tat das Allernormalste: das ganz und gar Außergewöhnliche. Sie ging ins nächste Polizeirevier. – Wo sind mein Mann und mein Sohn? Man sagte es ihr. Sie fuhr nach Mitte, in die Rosenstraße.

Vor Gefängnissen herrscht meist Grabesruhe, in Deutschland herrschte ohnehin Grabesruhe, seit zehn Jahren schon. Aber hier standen Hunderte Menschen, meist Frauen, vor einem Haus der Jüdischen Gemeinde, das jetzt Gefängnis war. Sie riefen: „Wir wollen unsere Söhne und Männer wiederhaben.“ Spät abends gingen sie weg. In der Nacht flog die britische Luftwaffe mit 250 Bombern ihren bis dahin schwersten Angriff auf Berlin. Am nächsten Morgen waren die Frauen wieder da. Es begann der erste öffentliche Massenprotest gegen die Nazis. Maschinengewehre wurden auf- und dann wieder abgebaut. Nach knapp einer Woche hatten die Frauen gewonnen. Ihre jüdischen Männer und Söhne waren frei.

Hans-Oskar Baron Löwenstein de Witt leistete wieder Zwangsarbeit, die Familie half, Juden zu verstecken, ging in den Untergrund. Die Straßennächte des 17-Jährigen begannen. Kein Dach überm Kopf, allein im zerstörten Berlin. Als sein Vater und er 5000 Mark (Schweizer Hilfe) zum Bäcker in der Fuggerstraße brachten (Brot für die Illegalen!) wurden sie verhaftet. Das Kriegsende kam vor dem Erschießungskommando. Die Familie traf sich wieder vor ihrem Haus in der Mommsenstraße. Es war als einziges in der Nachbarschaft zerstört.

Eine Jugend wie ein Grabstein war zu Ende. Könnte man das Potsdamer Leben nicht dort wieder aufnehmen, wo es Jahre zuvor aufgehört hatte? Die Löwenstein de Witts hatten die Wahl: entweder das Casino des Schloss Glienicke am einen Ende der Glienicker Brücke oder das Brückenwärterhäuschen am anderen. Sie nahmen das Brückenwärterhäuschen, das war näher an Potsdam. Nur lag Potsdam etwas später in der DDR. Mutter, Vater und Sohn hatten keine Lust auf die nächste Diktatur. Sie sahen noch einmal auf die andere Seite der Glienicker Brücke – dass Flussufer so verschieden sein können! – und flogen nach Israel in den ewigen Sommer. Hans-Oskar Löwenstein de Witt arbeitete bei der Tel Aviver Post und leitete eine Keks-und Waffelfabrik. Bis seine Mutter den Frühling vermisste. Und der Vater den Herbst. Und alle drei ihre Sprache.

Die Familie kam zurück nach Berlin. Sie wohnten wieder in Charlottenburg, ganz in der Nähe der Mommsenstraße. Dort ist Hans-Oskar Baron Löwenstein de Witt jetzt gestorben. Margarete von Trottas Film „Rosenstraße“ entstand nach langen Gesprächen mit ihm. Kritiker verstanden nicht, warum auch noch eine Adlige da mitspielen muss. Sie musste. Sie war Hans-Oskar Baron Löwenstein de Witts Mutter.

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