Wirtschaft : Hans Rostig

(Geb. 1934)||Ein neuer Abgastester ist allemal wichtiger als ein Kaffee am Kiosk.

Anne Jelena Schulte

Ein neuer Abgastester ist allemal wichtiger als ein Kaffee am Kiosk. Als sie Hans zum ersten Mal begegnete, war Käthe 15 und fand, der acht Jahre ältere Rennradfahrer und Maschinenschlosser sei „so der Typ James Dean“. Zwei Tage später stand die Hochzeit fest. Wenn sie mal sterben müssten, so versprachen sich Hans und Käthe, dann wollten sie gemeinsam gehen.

Vorher aber wollte Hans ihrem Glück ein Heim geben, dessen Grundmauern durch nichts zu erschüttern waren, eines, nach dem er sich als kleiner Junge sehnte.

Als der Vater an die Front gerufen wurde, flüchtete die Mutter mit dem ältesten Sohn auf einen bayrischen Bauernhof. Warum ließ sie Hans allein zurück? Sein Leben lang hat Hans keine Antwort auf diese Frage erhalten. Er kam in Kinderheimen und Pflegefamilien unter, musste Zeitungen austragen, wurde geschlagen. Als er endlich ein Ehepaar traf, das es gut mit ihm meinte, das ihn sogar annehmen wollte, „an Sohnes statt“, da stand der Vater plötzlich wieder vor der Tür. Er holte Hans und die Mutter zurück in ihr altes Haus, in das er Lager aus Stroh aufgeschüttet hatte, denn die Räume waren komplett ausgeräumt.

Von dem Tag an, als man Hans einen Hocker an die Werkbank schob, damit der nur langsam wachsende Junge seine Lehre beginnen konnte, wusste er: Er wollte sich eine Existenz zimmern, mit Vorratskammern voller Brot und Zukunft.

Stolz und glücklich war er, dass Käthe ihm dabei helfen wollte. Anderen stellte er das Mädchen mit den blonden Locken als seine Schwester vor. Dann beobachtete er, wie die Jungs um sie buhlten und freute sich auf den Moment, an dem er sie küssen, auf seinen Fahrradlenker setzen und mit ihr davonbrausen würde.

Doch auf die schönen Momente seines Lebens folgte bei Hans stets die sorgenvolle Frage, wie er das Elend dauerhaft fern halten konnte. So wie der Geisterjäger Vampiren mit dem Kruzifix trotzt, so bewaffnete sich Hans mit Meister-Urkunden.

Hans, und das ist wahrscheinlich einzigartig in Deutschland, macht gleich drei Meistertitel: Einen Kfz-Meister, einen Elektriker-Meister und einen in Karosseriebau.

Liefen die Autos, dann lief sein Leben. Und Hans Rostigs Autowerkstatt lief glänzend, seinem Nachnamen zum Trotz.

Käthe zog die beiden Kinder groß, pflegte das Haus, das Hans ihnen Stein für Stein errichtet hatte und erledigte in der Werkstatt das Kaufmännische.

Und sie lehrte ihn, dass das Leben noch andere Wunder bereithielt, als blonde Locken und ein gut gehendes Geschäft. Sobald die schwersten Zeiten überstanden waren und sie auf einer festen Basis standen, packte sie seine Koffer und führte ihn zu römischen Brunnen, ägyptischen Pyramiden, durch Bergschluchten und kanadische Wälder. Mehr als einmal musste der Reisebus ohne die Rostigs abfahren, weil Hans die Zeit vergessen hatte. Doch sobald es ans Zahlen ging, begannen die Zweifel ihn zu plagen. Das Zahlen sollte Käthe übernehmen, er selbst konnte diesem sündhaften Akt nicht beiwohnen. Hätte man die mühsam erwirtschafteten Scheine nicht doch gegen etwas Handfesteres eintauschen sollen, als gegen ein paar schöne Erinnerungen? Denn er wusste, dass der übelste Feind eines jeden Kämpfers die Selbstgefälligkeit ist. Wer sich auf seinen Erfolgen ausruht, der hat schon seinen Abstieg begonnen.

Ließ man ihm die Wahl, gönnte Hans sich nicht mal einen Kaffee am Kiosk, dafür aber immer neue Geräte, Spannungsmesser, Abgastester. Geräte, die ihn auf der Höhe der Zeit hielten und ihn so vor dem Fall schützten.

Als die Kinder aus dem Haus waren, wagte Hans sich wieder an seine alte Leidenschaft, den Radsport. Er fuhr auf seinen Touren sechs Stunden konstant 30 km/h. Das brachte ihm zwar keine neuen Maschinen ein, dafür aber unzählige Medaillen, Pokale und Urkunden. Glänzende Beweise und Gütesiegel für die Lebenskraft des Hans Rostig, der so klein und verloren begonnen hatte. Die Auszeichnungen erfüllten ihn mit einer stillen Freude, er brauchte sie, ohne dass er mit ihnen prahlte.

Als die Ärzte ihm plötzlich ein ganz anderes Zeugnis ausstellten, nämlich dass der Krebs seinem Leben ein plötzliches Ende setzen sollte, entschied Hans sich für zehn Chemotherapien innerhalb eines Jahres. Er wusste, dass er damit sein Leid hinauszögern, seine Gesundheit aber niemals wiedererlangen würde. Nach sieben Monaten hörte Käthe ihn zum ersten Mal den Satz sagen: „Ich kann nicht mehr.“

„Ich weiß“, sagte sie und nahm ihn in ihre Arme. Ob er sich daran erinnern würde, dass sie sich einst versprochen hatten, gemeinsam in den Tod zu gehen? Hans aber bat sie, über die Werkstatt zu wachen, jenes Labor, in dem sie gemeinsam ihr solides Leben produziert hatten. Dass die Kinder auf sein Erbe aufbauen sollten, das war sein Wunsch.

Die Werkstatt wird jetzt vom Sohn weitergeführt, Kfz-Meister wie der Vater. Doch einen zweiten oder dritten Meistertitel, wie Hans es ihm nahe legte, will er nicht machen. Sie würden ihm nicht helfen, gegen Großkonzerne wie ATU mit ihrem Preisdumping zu bestehen.

„Hans Rostig – Autowerkstatt“ – rot leuchten die Buchstaben an der Neuköllner Straße, und Käthe wird sie noch eine ganze Weile brennen lassen.

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