Wirtschaft : Hans Ulrich Schroeter

(Geb. 1937)||Er bot den Leuten Schutz. Vor Natur und schlechtem Geschmack.

Anne Jelena Schulte

Er bot den Leuten Schutz. Vor Natur und schlechtem Geschmack. In Münster fand die Flucht aus Oberschlesien ihr Ende. In der an Wohlstand und Ordnung gewöhnten Stadt sollten die Kinder des Architekten Werner Schroeter den Frieden kennen lernen. Und so errichtete er ihnen am grünen Stadtrand ein solides Häuschen, in das er jeden Abend heimkehrte, wenn er fertig war mit seiner Arbeit: Die Kriegsreste beiseite räumen und die Innenstadt wieder aufbauen.

Seinem Sohn Hans Ulrich gefiel die neue Heimat, doch auslöschen konnte sie die Erinnerung an den Fliegeralarm, die Toten und den Hunger nicht. Sobald irgendwo eine Sirene losheulte, befand er sich wieder mitten im Krieg.

Umso sinnvoller erschien ihm der Beruf des Vaters. Und so beschloss auch Hans Ulrich, Architekt zu werden und mit betonschweren, grundsoliden Gebäuden gegen die Schrecken der Vergangenheit anzubauen. So sehr liebte er diese Arbeit, dass er über 30 Jahre alt werden musste um zu erkennen, dass ein Heim nicht nur aus Baumaterial, Grundrissen und Inneneinrichtung besteht. Auf einmal sehnte er sich nach einer Frau.

Das freute seine Schwester, die ihm sofort die Adresse einer hübschen und ledigen Bekannten zusteckte. Es begann der Briefwechsel zwischen Hans Ulrich und Ingrid, wobei Hans Ulrich feststellte, dass die immer sichtbarer werdende Unsichtbare nicht ohne Witz war. Ja, diese hier konnte die Richtige sein für ein rauschendes Richtfest. Doch es gab noch ein Problem: Ingrid war Protestantin. Viele Briefe und mitunter scharfe Formulierungen kostete es Hans Ulrich, bis Ingrid sich schließlich bereit erklärte, im Fall des Falles zu den Katholiken zu konvertieren. Nun konnte man sich treffen. Es war Mai.

Hübsch war sie schon, diese lebensfrohe Person die ihm da gegenüberstand. Doch warum hatte der liebe Gott sie so in die Länge gezogen? Über alles hatten sie sich ausgetauscht, über Kindererziehung, Ehe, über Hans Ulrichs Leidenschaft für seinen Beruf und über Ingrids Bewunderung für Hans Ulrichs Beruf, doch über die simplen Körpermaße hatten sie kein Wort gewechselt. Nun bewies sie die äußere, er die innere Größe, und im Oktober feierten sie Hochzeit. Es war eine große Liebe. Das ließ sich schon daran erkennen, dass sie viel stritten.

Oft warf Ingrid ihm vor, dass er so selten zu Hause war. Er wiederum schüttelte den Kopf über so viel Unverstand. Er baute schließlich, um den Menschen Schutz zu bieten, Schutz vor der Natur und dem schlechten Geschmack anderer Architekten! Er schuf Orte, in die man sich zurückziehen und von den Schrecken des Lebens erholen konnte. Da durfte er nicht schlampen. Weder auf das Glück noch auf Angestellte wollte er vertrauen. Planung, Bauleitung alles übernahm Hans Ulrich Schroeter selbst. Er stolperte im Regen über die feuchten Planken und half Steine schleppen, fuchtelte ständig mit Messgeräten umher und kontrollierte die Bauausführungen bis in den kleinsten Winkel.

„Der hat doch ’ne Freundin“, wisperten die schlauen Freunde seiner Kinder, wenn Hans Ulrich sonntagmorgens nicht am Frühstückstisch saß und erklärt wurde, er sei im Büro. Dort lag er auf seiner schmalen Pritsche und erholte sich von einer aufreibenden Nacht am Schreibtisch. Oder er saß schon wieder rauchend am Schreibtisch, neben sich die blaue, immer gefüllte Kaffeetasse.

Keine zwei Jahre, nachdem er mit seiner Familie eine schöne Jugendstilvilla bezogen hatte, trat der Tod wieder in sein Leben, jener Kindheitsschrecken, der ihn noch immer bei jedem Sirenengeheul packte.

46 Jahre war Ingrid alt, Mutter dreier noch nicht ganz erwachsener Kinder. Nun lag sie mit Leukämie im Krankenhaus Reinickendorf, jenem Klinikgebäude, das ihr Mann einst errichtet hatte, und starb. Lächerlich. Dumm. Das stand so nicht in den Bauplänen seines Lebens, und also hörte er weg, wenn die Ärzte, die Kinder oder auch Ingrid selbst über den Abschied reden wollten. Stattdessen schmückte er ihr Krankenzimmer.

Als Hans Ulrich erkannte, dass der Tod sich von den schönsten Bildern, der kühnsten Ästhetik nicht aufhalten ließ, brach er zusammen und brauchte viele Monate, bis er von seiner Trauer aufzuschauen wagte. Da aber stellte er fest, dass sich sein Blick verändert hatte. Er verlagerte seinen Arbeitsplatz nach Hause, betrachtete seine drei Kinder und versuchte nachzuholen, was er bis dahin versäumt hatte. Er wurde weich, sagt seine Tochter. Zu weich manchmal. Eine Nachgiebigkeit, geboren aus Trauer und Einsamkeit.

Seine Frau war es doch gewesen, die ihn regelmäßig dem Dunstkreis aus Kaffee, Zigaretten, Schreibtisch und Baustelle entrissen und in die Welt genötigt hatte, hin zu Freunden oder Festen. Ingrid fehlte, die Kinder zogen aus, die Aufträge kamen spärlicher als früher.

Über die Zeitung versuchte Hans Ulrich, nun mit der Welt in Kontakt zu bleiben. Bis ins Detail wusste er Bescheid über aktuelle Ausstellungen oder den Stand der Bauarbeiten am Lehrter Bahnhof. Hingegangen ist er nie. Er ernährte sich von Honigbroten, schlief tags, arbeitete nachts und pflegte seine Freunde: zwei Igel und eine Amsel. Wenn er doch mal auf seinem alten Fahrrad einen Ausflug machte, etwa um einzukaufen oder dem Priester beim Ausbau seines Häuschens zu helfen, dann hüpfte die Amsel auf den Pfosten des Gartenzauns und wartete eifersüchtig auf seine Rückkehr.

Als das Krankenhaus, sein alter Auftraggeber, Hans Ulrich Schroeter um den Anbau einer Pflegefachschule bat, stellte er seinen Betonquadern von einst ein helles Holzhaus mit kleinem See zur Seite.

An einem Nachmittag, kurz nachdem sein Sohn endlich eine Arbeitsstelle gefunden hatte und alle drei Kinder mit ihm ihre dicht aufeinander folgenden Geburtstage gefeiert hatten, legte sich Hans Ulrich Schroeter auf sein Bett und fiel in einen Schlaf, aus dem er nicht mehr erwachte.

Im verwilderten Garten fanden die Kinder einen umgedrehten Fahrradkorb. Darunter wächst ein kleiner Zaunreiter, Ingrids Lieblingsblume, die im Oktober, pünktlich zu ihrem Geburtstag, blau aufleuchten wird.

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