Wirtschaft : Hans Zielinski

Geb. 1913

Bernd Matthies

„Kein Eisen ist so heiß, dass man es nicht anfassen könnte.“ Draußen klopften die Mauerspechte, drinnen im Reichstag suchte der britische Außenminister Douglas Hurd der Presse zu verdeutlichen, wie sich sein Land die Zukunft Deutschlands vorstellte. Eine hektische, von der Geschichte getriebene Veranstaltung war das, und der Leiter der Landespressekonferenz, Hans Zielinski, seit 50 Jahren Journalist, musste seine ganze Berufserfahrung einbringen, um ein Chaos zu verhindern.

Es war sein letzter Auftritt in der Öffentlichkeit, nach dieser Pressekonferenz zog er sich, schon 77 Jahre alt, aus dem Ehrenamt zurück. Später hörten nur noch enge Freunde von ihm; am Heiligabend 2004 ist er in seinem Haus in Schlachtensee gestorben, von der Öffentlichkeit nahezu unbemerkt.

Dabei war Zielinski einer, dessen Auftritte sich einprägten. 14 Jahre lang, von 1964 bis 1978, bestimmte er als „Erster politischer Redakteur“ die Linie des SFB, kommentierte zugespitzt, bisweilen mit schneidender Schärfe. Der Schmiss auf der Wange, Erinnerung an Studentenjahre in der Göttinger Burschenschaft Hannover, bekräftigte den Eindruck. Man hätte ihn für einen Juristen halten können, einen Soldatena.D. womöglich – doch studiert hatte er evangelische Theologie, und seinen Berufsweg als Journalist begann er 1936, noch Student, mit einem Leitartikel aus Anlass eines ökumenischen Seminars in Genf, den die „Deutsche Allgemeine Zeitung“ druckte. Spröder Stoff, der seine politische Brisanz hinter akademischer Gelehrsamkeit verbarg: Zielinski verteidigte das Liebesgebot des Neuen Testaments gegen die Vereinnahmung durch eine „Ethik der Volksgemeinschaft“. 1938, schon Volontär der Zeitung, analysierte er scharfsichtig und dennoch ungestraft die Versuche der Nazis, die historische Wissenschaft für ihre Zwecke zu instrumentalisieren.

1945 schloss er sich den Kollegen an, die Radio Hamburg, den späteren NWDR, nach dem Vorbild der britischen BBC aufbauten. Sein Mentor wurde dort der Arzt Curt Emmrich, der sich vor dem Krieg als Feuilletonist unter dem Namen Peter Bamm einen guten Namen gemacht hatte. In einer Selbstdarstellung für die „Hörzu“ formulierte Zielinski sein Arbeitsprinzip: „Kein Eisen ist so heiß, dass man es nicht anfassen könnte.“

Über viele Zwischenstationen führte ihn sein Weg 1956 zum „Spiegel“, dessen Berliner Ein–Mann-Büro er zwei Jahre später übernahm, mitten im Kalten Krieg. Eine Enthüllungs-Story des Magazins über die Volksarmee, an der er selbst gar nicht beteiligt war, machte ihn stellvertretend zum Ziel einer Geheimdienstaktion: Nachts klingelte pausenlos das Telefon, er wurde angezeigt, weil er angeblich Hunde schlachte, erhielt ungebetenen Besuch von Kammerjägern, Babysittern und Klempner-Notdiensten, und anonyme Anrufer teilten Berliner Zeitungen fälschlich mit, er habe auf der Transitstrecke einen Unfall gehabt. Rudolf Augstein schrieb darüber eine „Hausmitteilung“, erhöhte dem drangsalierten Korrespondenten erst das Gehalt und bot ihm drei Tage später das Spiegel-Büro in Kiel an: „Die Stadt ist für eine Familie mit Kindern ein wahres Labsal...“ Zielinski wechselte dankend zur „Welt“, wo er innerdeutsche und Kirchenthemen bearbeitete.

Doch auch die „Welt“-Redaktion erwies sich nicht als die erhoffte politische Heimat. Die Chefredaktion fuhr klaren Kurs in Richtung Kalter Krieg und lehnte etwa die Passierscheinvereinbarungen schroff ab, Zielinski war entgegengesetzter Ansicht und argumentierte für einen sachlichen Umgang mit der DDR. Der SFB bot ihm mehr Freiheit, setzte ihn vor allem als Kommentator in Hörfunk und Fernsehen ein; auch dort widmete er sich wieder politischen und kirchenpolitischen Themen, galt als Gesicht des „Kirchenfunks“. Als er 1978 ging, so schien es, nahm auch das Interesse des Senders an kirchenpolitischen Themen ab.

Zielinski selbst erging es ähnlich. Beim RBB hat man seinen Tod offiziell nicht mehr zur Kenntnis genommen.

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