Wirtschaft : Harte Kriterien für den Neuen Markt

FRANKFURT (MAIN) (ro).Fast täglich stellt sich derzeit in Frankfurt ein Unternehmen vor, weil es den Sprung an die Börse wagt.Selbst Experten verlieren allmählich den Überblick.Größere Firmen sind dabei eine Seltenheit.Meist sind es junge Gesellschaften, die im Umfeld von Computer, Software oder Telekommunikation aktiv sind.Eines haben alle gemeinsam: Sie drängen an den Neuen Markt der Frankfurter Börse, das im März 1997 eingerichtete Börsensegment für wachstumsstarke und innovative Unternehmen.Weil dort die erste Börsennotierung oft doppelt, manchmal sogar um ein mehrfaches höher ist als der Emissionspreis und weil zum anderen viele Anleger auf diese Aktien schielen, würden gerne noch mehr Unternehmen ihre Aktien am Neuen Markt notiert sehen.

Die Verantwortlichen bei der Deutsche Börse AG (DBAG) und bei den Großbanken beschleicht offenbar langsam ein leicht mulmiges Gefühl, auch wenn es bislang am Neuen Markt keinen einzigen Reinfall gegeben hat.Man drängt auf klarere Vorgaben für die Zulassung, um die Attraktivität des Neuen Marktes zu sichern.Möglicherweise aber auch, weil man für die Zukunft vorbauen und Flops ausschließen will.Manche Banker klagen angeblich darüber, daß derzeit "jede Klitsche" auf den Börsengang am Neuen Markt bestehe.Konsequenz: Die Zulassungskriterien sollen eingegrenzt werden.Angeblich hat die DBAG unlängst schon Kandidaten abgewiesen.Pressesprecher Walter Allwicher allerdings bestreitet dies.

Noch haben sich Börse und Banken nicht auf neue Kriterien verständigt.Die Diskussion sei erst angelaufen, betont Hans Trobitz, bei der DG Bank für Neuemissionen zuständig.Klar scheint aber, daß die ursprüngliche Definition für Neue-Markt-Kandidaten strikter und exakter angewandt werden soll.Entscheidend dabei sind neben den strengen finanziellen Vorgaben die Stichworte: wachstumsstark und innovativ.Trobitz plädiert dafür, stärker als bislang auf das Wachstum der Börsenaspiranten zu achten.Etwa 40 Prozent pro Jahr beim Ertrag sollten es schon sein, sagt der Banker.Innovation steht für Trobitz erst an zweiter Stelle.Der Neue Markt müsse sich eine "gewisse Exklusivität" bewahren, um seine Attraktivität nicht zu verlieren.

Beobachter sind sich sicher, daß heute ein Baustoffhändler Mühl, der Seniorenheimbetreiber Refugium, der Autozulieferer Sachsenring oder auch die PR-Firma Hunzinger kaum mehr für den Neuen Markt akzeptiert würden.Auch nicht jede Firma, die in ihrem Produkt einen Chip habe, würde heutzutage den Sprung an den Neuen Markt schaffen.Trobitz freilich plädiert auch dafür, nicht nur auf die bislang für den Neuen Markt typischen Branchen wie Telekommunikation, Biotechnologie, Multimedia, Computer oder Medizintechnik zu achten.

Daß die Diskussion erst am Anfang steht, zeigt allerdings die Meinung anderer Banker.Michael Berg, Leiter Aktien-Emissionen bei der BHF Bank, votiert dafür, noch mehr als bislang auf das Kriterium "Neue Idee" zu achten.Vor allem daraus resultiert das für den Anleger höhere Risiko bei einem Engagement am Neuen Markt.Diverse Firmen hat die BHF Bank bereits vom Gang an das gut ein Jahr alte Börsensegment abgeraten, weil das Produkte oder die Dienstleistung nicht "innovativ" genug war.

In Banken- und Börsenkreisen ist man sich bewußt, daß die Kriterien bislang sehr schwammig sind."Das sind keine harten Vorgaben", sagt DBAG-Sprecher Allwicher.Im Prinzip könne man jede Entscheidung anfechten.So sieht denn auch Allwicher eine gewisse Notwendigkeit zur "Standardisierung" der Zulassungsvorgaben.Der Erfolg des Neuen Marktes mit den zum Teil rasanten Kurssteigerungen spricht allerdings gegen große Neuerungen, auch wenn extrem positive Entwicklungen wie etwa bei Mobilcom die Ausnahme bleiben.Die DBAG jedenfalls hat keine Probleme, jährlich, wie geplant, 20 neue Unternehmen an den Neuen Markt zu bringen.Knapp 35 sind es derzeit.

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