Wirtschaft : Hartnäckiger Realist

Gerhard Cromme, Aufsichtsratschef von Thyssen-Krupp, soll Nachfolger von Pierers werden

Jürgen Zurheide

Düsseldorf – Über mangelnde Wertschätzung seiner Person kann sich Gerhard Cromme nicht beklagen. Obwohl er schon den Aufsichtsrat von Thyssen- Krupp leitet und nebenher in sechs weiteren Kontrollgremien von Dax-Schwergewichten wie Allianz und Lufthansa sitzt, hatte man ihn schon kürzlich an die Isar gerufen, um einen Sonderauftrag zu übernehmen: Als Vorsitzender des Prüfungsausschusses kümmert er sich bei Siemens um die Schmiergeldaffäre. Dafür hatte er sich auch als Vorsitzender der Corporate Governance Kommission profiliert, die er für Gerhard Schröder zu einem Ergebnis führte. Mit dem Thema ist er also vertraut.

Während er sich in München einarbeitete, erreichte ihn der Ruf des nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Jürgen Rüttgers. Der will die Berufung von Werner Müller an die Spitze der künftigen Kohlestiftung verhindern – Cromme sollte sich für diesen Posten zur Verfügung stellen. „Das geht nicht“, gab sich Cromme stur und nannte gleich zwei Gründe. Erstens hat auch sein Tag nur 24 Stunden und zweitens teilte er Rüttgers mit, dass er es für unanständig halten würde, Müller den Vorsitz der Kohlestiftung streitig zu machen, weil das gesamte Konstrukt Werk des ehemaligen Wirtschaftsministers sei.

Damit hat Cromme zwei seiner wesentlichen Eigenschaften gezeigt: Er schätzt Situationen realistisch ein und lässt sich kaum von seinem Weg abbringen. Das hat er an mehreren Stationen seiner Karriere gezeigt. Eine Wegmarke, an der die Republik für einige Monate den Atem anhielt, war in diesem Zusammenhang die Auseinandersetzung um das Krupp-Hüttenwerk in Duisburg-Rheinhausen. Nachdem dort zwischen 1981 und ’86 fast eine halbe Milliarde Euro Verlust aufgelaufen war, zog Cromme im November 1987 die Reißleine und pochte darauf, den Standort aufzugeben. Selbst Proteste vor seiner Privatwohnung hielten ihn nicht davon ab. „Das ist eine Rechenmaschine auf zwei Beinen“, hielten ihm damals nicht nur Gewerkschafter entgegen.

Weil Krupp trotz dieses Befreiungsschlags noch immer nicht wirklich profitabel wurde, entschied er sich für eine riskante Vorwärtsverteidigung. Er bereicherte die deutsche Wirtschaftsgeschichte um die erste große feindliche Übernahme und schluckte zu Beginn der 90er Jahre den Konkurrenten Hoesch; die Proteste prallten an ihm ab. Nach dem gleichen Muster zwang er am Ende des gleichen Jahrzehnts Thyssen in eine Fusion – obwohl Krupp das deutlich kleinere Unternehmen war.

Nachdem das eigene Unternehmen profitabel geworden war, sicherte Cromme das Erreichte geschickt ab. Nach einer Übergangszeit überließ er dem Thyssen-Mann Ekkehard Schulz den Vorstandvorsitz und zieht seither als Aufsichtsratschef die Fäden. Dabei muss er sich allerdings immer wieder mit Berthold Beitz abstimmen, der über die Krupp Stiftung der eigentliche Machtfaktor im Hause ist. Die Launen des alten Herrn erträgt Cromme, weil er hofft, eines Tages selbst Stiftungs-Vorsitzender zu werden.

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