Wirtschaft : „Hartz ist nicht vollständig einführungsreif“

Unternehmensberatung McKinsey: Vorschläge für die Arbeitsmarktreform müssen praxistauglich gemacht werden

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Berlin (ce/uwe). Unternehmensberater sind skeptisch, zu viel und zu schnelle Erfolge von der Reform des Arbeitsmarktes zu erwarten. „Das Hartz-Konzept ist noch nicht vollständig einführungsreif und braucht noch weitere Detaillierung und Vertiefung“, sagte Jürgen Schrader von der Unternehmensberatung McKinsey dieser Zeitung. Das politische Signal, dass man das Konzept ohne Abstriche umsetzen wolle, sei sehr vernünftig. Nun sei jedoch eine intensive Phase der Vertiefung erforderlich, um die Vorschläge auch umsetzbar zu machen.

Der Unternehmensberater hält es für unwahrscheinlich, dass schon Anfang des kommenden Jahres in ganz Deutschland arbeitsfähige Personal-Service-Agenturen (PSA, siehe Lexikon) zur Verfügung stehen. Mit dieser Mahnung relativieren Unternehmensberater die Erwartung der Bundesregierung, dass mit der im Koalitionsvertrag vereinbarten Umsetzung von Hartz „ohne Abstriche“ schnelle Erfolge erzielt werden können.

Völlig unklar ist zum Beispiel bisher, welche Kosten das Hartz-Konzept verursacht. Auch, wer die PSA betreiben soll, ist noch nicht entschieden. Entscheide sich die Bundesregierung, wie von der Kommission empfohlen, für ein privatwirtschaftlich organisertes Modell, werde die Einführungsphase zwar länger dauern. Aber dann werde die Sache wahrscheinlich kostengünstiger und effizienter organisiert, als wenn sich die Bundesanstalt für Arbeit zusätzlich zu ihren heutigen Aufgaben als PSA-Betreiber aufstelle.

Insgesamt hält Unternehmensberater Schrader die Annahme des Hartz-Konzeptes, innerhalb von zwei Jahren die Arbeitslosigkeit zu halbieren und eine halbe Million bisher Arbeitsloser über die PSA in Arbeit zu bringen, für sehr optimistisch. Eine Studie der Bundesanstalt für Arbeit (BA), der Bertelsmann-Stiftung und von McKinsey geht davon aus, dass maximal 250 000 bis 375 000 Arbeitslose in Arbeit gebracht werden können – und dass die PSA dafür doppelt so lange brauchen, wie es die Hartz-Vorschläge in Aussicht stellen. Jedoch sei auch dies ein enormer Fortschritt gegenüber heute und sollte nicht als Argument gegen die PSA verwendet werden, sagt Schrader.

Umbau der Bundesanstalt für Arbeit

Am Umbau der BA arbeiten zur Zeit 170 Mitarbeiter als interne Berater. Anfang Dezember sollen sie durch externe Berater verstärkt werden. Die Ausschreibungsfrist läuft nach Angaben eines BA-Sprechers an diesem Donnerstag aus – der Verwaltungsrat der Bundesanstalt will sich schon heute mit den Angeboten beschäftigen. Aus dem Kreis der Bewerber werden einige Unternehmen ausgewählt, die in einer zweiten Stufe ein detailliertes Angebot abgeben sollen. Zu den Beratungsgesellschaften, die sich um einen Auftrag bewerben, gehören nach Informationen des Tagesspiegel alle renommierten Unternehmensberatungen, darunter auch die beiden Branchenriesen McKinsey und Roland Berger. Beide Firmen waren in der Hartz-Kommission zur Reform des Arbeitsmarktes vertreten.

„Wir werden die Beratungsleistungen in 35 Teilprojekte aufgliedern“, sagte BA-Sprecher Roland Schütz. Die Projekte umfassen das gesamte Tätigkeitsspektrum der Behörde: die Einführung der Sozialversicherungs-Chipkarte, auf der die Daten der Arbeitslosen gespeichert werden sollen, derAufbau der PSA, die Qualifizierung der Behörden-Mitarbeiter, ein intensiveres Controlling und ein neues IT-System.

Experten rechnen damit, dass der Umbau der Behörde mit 90 000 Mitarbeitern Jahre in Anspruch nehmen wird. Unklar ist allerdings, ob die BA für die bevorstehenden Reformen vom Bund zusätzliche Mittel als Anschubfinanzierung erhalten wird. Den Aufbau der Personal-Service-Agenturen muss die BA aus eigenen Mitteln bestreiten, hieß es gestern in der SPD. Für die Lohnkostenzuschüsse für Arbeitslose muss die BA ebenso aufkommen wie für die Zuschüsse für Arbeitslose, die sich selbständig machen. In diesem Jahr wird die BA mindestens 3,5 Milliarden Euro Zuschuss vom Bund benötigen. Für 2003 hat Finanzminister Eichel keinen Cent in den Haushalt eingestellt. Das bedeutet: Die zusätzlichen Kosten durch Hartz müssen an anderer Stelle eingespart werden.

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