Wirtschaft : Hauptgewinn für die Netzwerk-Architekten

Veronika Czisi

Bevor die neue Handy-Generation funktioniert, muss die Infrastruktur aufgebaut werden. Skandinavier und Asiaten liegen hierbei gut im RennenVeronika Czisi

Telefonieren, fernsehen, faxen, Musik hören, Bilder und Filme versenden, Flüge buchen oder Restaurantrechnungen bezahlen: Glaubt man den Fachleuten, dann wird das bald alles mit einem einzigen Gerät und ohne Steckdose möglich sein. UMTS heißt das Zauberwort (Universal Mobile Telecommunications System), das ab 2002 das Handy in eine Multimedia-Wundertüte verwandeln soll. Es lockt ein Milliardengeschäft: Bereits 2003 sollen Schätzungen zufolge mehr Menschen über UMTS-Handys im Netz surfen als über den PC. In Deutschland hat die Jagdsaison um die begehrten Lizenzen gerade begonnen. Bis zu 120 Milliarden Mark, glauben Branchenexperten, werden sich die Netzbetreiber die vier bis sechs deutschen Lizenzen kosten lassen. Nicht umsonst kämpft man um eine Lizenz um jeden Preis: Wer leer ausgeht, wird sich letztlich aus dem deutschen Mobilfunk-Markt verabschieden müssen. Angesichts der kostspieligen Hürden des Aufstiegs in die erste Handy-Liga dürften die Hauptgewinner aber vorerst nicht die Netzbetreiber sein, sondern die Architekten der Netzwerke, die Hersteller der Multimedia-Terminals und Zulieferer. Vor allem skandinavische und asiatische Unternehmen haben hier eine Vorreiterrolle übernommen.

Wie kein anderes Unternehmen verfüge Ericsson über eine nahezu vollständige Produktpalette für die Einführung der dritten Mobilfunkgeneration, heißt es in einer Studie der BHF-Bank. Die Schweden, die lange im Schatten von Nokia standen, sind Marktführer beim Netzwerkbau, Nummer drei in der Handy-Produktion und haben bereits die Hälfte aller bisherigen Aufträge zum Bau von UMTS-Netzen an sich gerissen. Die Analysten von Lehman Brothers, Merrill Lynch oder der Berenberg-Bank raten: jetzt zugreifen. Doch auch Motorola, Lucent Technologies und die kanadische Nortel Networks wollen sich ein Stück vom etwa 16 Milliarden Mark teuren Netzwerk-Kuchen abschneiden. Während Nortel sich im Zukunftsmarkt optische Netzwerke durch Zukäufe exzellent positioniert hat, kämpft Motorola, Nummer zwei im Netzwerkgeschäft und beim weltweiten Handyabsatz, gerade mit einem schwer angeschlagenen Image wegen einer Gewinnwarnung. Auf dem gegenwärtigen Niveau ist Motorola dafür auch nur halb so teuer wie Nokia oder Ericsson.

Siemens wiederum will UMTS nutzen, um in die Top 3 der Handy-Hersteller aufzurücken, den Marktanteil von knapp fünf auf 15 Prozent zu steigern und den Handyabsatz zu versechsfachen. Ohne starke Partner geht das nicht: Die Münchener haben sich daher Nec und Lucent ins Boot geholt und entwickeln mit den Japanern UMTS-Technik und Geräte. Zusätzlich schnappt sich Siemens die Handyentwicklung von Bosch.

Dass neue Standards neue Handys erfordern, freut nicht nur Siemens. Hauptprofiteure auf dem Endgerätemarkt sind neben Nokia und Ericsson die Asiaten. Vor allem der japanische Matsushita-Konzern ("Panasonic") hat gute Chancen, sich auf dem UMTS-Markt zu behaupten, verfügt er doch bereits über praktische Erfahrungen mit dem Internet für die Hosentasche: Die Japaner surfen schon seit über einem Jahr mobil im Netz, meist mit Matsushitas neuer Handy-Generation. Die Aktie notiert derzeit erheblich unter ihrem Höchststand und gilt langfristig als attraktiver Kauf. Praktisch unbeachtet von der Öffentlichkeit hat sich Samsung auf Platz vier der Handyhersteller hochgearbeitet. Die Koreaner sind neben ihrem Heimatmarkt vor allem in den USA aktiv, wo sie mit Qualcomm zusammenarbeiten. Das US-Unternehmen hat die sogenannte CDMA-Technologie zum führenden Standard in den USA und in Asien entwickelt. Auch Qualcomm profitiert von UMTS, denn anders als heute arbeiten US-Handys dann auch in Europa - und umgekehrt. Das Investmenthaus Salomon Smith Barney hat das Papier gerade auf "kaufen" hochgestuft.

Mit der Berliner PSI AG könnte sich auch ein Unternehmen aus dem Neuen Markt im UMTS-Geschäft positionieren. Die Dresdner Bank und die Bankgesellschaft Berlin sehen gute Chancen, dass PSI Aufträge bei der Entwicklung der Steuerungssoftware von UMTS erhalten könnte. Das Unternehmen habe bereits die Software für die D1- und D2-Netze entwickelt.

Auch wenn die Software immer wichtiger wird: Ohne Chips, Prozessoren und Gehäuse kommt kein Handy aus. Die zyklische Halbleiterbranche ist in Goldrausch-Stimmung, da kommt UMTS gerade recht. Weltgrößter Hersteller von Chips für die drahtlose Kommunikation ist Texas Instruments: Texas-Chips stecken in zwei Drittel aller Handys. Trotz des üppigen KGV lautet das jüngste Votum von ABN Amro: Kaufen. Hauslieferant von Nokia ist jedoch Europas führender Hersteller STMicroelectronics. Seine Gehäuse bezieht Nokia hauptsächlich bei Weltmarktführer Perlos. Das finnische Unternehmen ist deutlich günstiger bewertet als die Konkurrenz, etwa Balda vom Neuen Markt, die dafür dynamischer wachsen.

Und die großen Netzbetreiber? Sie sitzen im Zentrum der UMTS-Euphorie, verfügen über die Kontakte zum Endkunden und werden künftig höhere Umsätze verwalten - etwa, weil die Rechnungen für den mobilen Kauf per Internet über sie abgewickelt werden. Andererseits müssen sie die enormen Lizenzkosten stemmen. Gute Chancen dürfte Vodafone haben, der einzig wirklich globale Mobilfunkkonzern. Auch Mobilcom räumen Fachleute gute Chancen ein. Das Unternehmen hat gerade angekündigt, mit Hilfe der Finanzkraft von Partnerin France Télécom notfalls 24 Milliarden Mark hinzublättern. Während die Vereins- und Westbank daher jetzt einen günstigen Einstiegszeitpunkt für Netzanbieter sieht, ist ABN Amro wegen der erheblichen Belastungen skeptisch. Lieblingskind der Fonds und Analysten bleibt Nokia: Kaum eine Bank empfiehlt die Finnen nicht zum Kauf. Morgan Stanley hält Nokia sogar für "die treibende Kraft beim mobilen Internet". Vor allem in Deutschland sehen die Finnen Chancen: 58 Millionen Bundesbürger besitzen noch kein Handy.

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