Wirtschaft : Hauptsache billig

Easyjet plant ein weiteres Drehkreuz in Deutschland und will neue Kundengruppen in seine Flugzeuge holen

Flora Wisdorff

Berlin - Im Flur des Easyjet-Crewraums in Schönefeld leuchtet es orange von der Decke. Wenn die Stewardessen hinausgehen, bekommen sie noch ein paar Hinweise mit auf den Weg: „Sei freundlich“ oder „Mache die Begegnung zum Erlebnis“ steht auf den Schildern in der leuchtenden Farbe. Das Orange findet auch John Kohlsaat gut – denn der neue Deutschland-Chef des britischen Billigfliegers kommt aus der Marketing-Branche. „Easyjet ist eine starke Marke, das Orange verkörpert so etwas Reizvolles.“ Vor allem aber reizt den 41-Jährigen, der sich zuvor um Zigarettenmarken beim Tabakkonzern BAT gekümmert hat, das Wachstumspotenzial der Billigfliegermarke. Ein Headhunter konnte ihn schnell überzeugen.

„Im Zigarettenbereich ist ein Wachstum von 0,2 Prozent am Marktanteil schon sehr viel, bei Easyjet sind Wachstumsraten von 20 Prozent möglich, das ist sehr reizvoll“, sagt der gebürtige Hamburger. Genau dafür ist er jetzt verantwortlich: Er soll die Expansion von Easyjet in Deutschland voranbringen. „Easyjet hat jetzt eine Größe erreicht, bei der das Ganze zentral aus London nicht mehr zu managen ist“, sagt Kohlsaat. Er ist der fünfte Länderchef im Unternehmen, Frankreich, Italien, Spanien und die Schweiz haben auch schon einen.

Als Marketingexperte sei er „Wettbewerb gewohnt, auch in gesättigten Märkten“. Genau darum geht es jetzt in Deutschland, denn die Konkurrenz wird härter. An diesem Sonntag hat Easyjet-Konkurrent Germanwings ein neues Drehkreuz in Berlin-Schönefeld eröffnet. Der deutsche Billigflieger hat sich genau neben dem orangefarbenen Easyjet-Terminal einen eigenen in Dunkellila bauen lassen. „Easyjet ist in Europa der größte Billigflieger, in Deutschland sind wir aber noch weit davon entfernt. Hier gibt es starke Wettbewerber, und hier gilt es noch deutlich aufzuholen“, sagt Kohlsaat. 2004 habe Easyjet einen Anteil von sechs Prozent am Billigfliegersegment in Deutschland gehalten, das am Gesamtmarkt schon 25 Prozent ausmache.

Europaweit habe Easyjet einen Marktanteil von 20 Prozent im Billigbereich. „Das würden wir uns auf jeden Fall auch für Deutschland vorstellen. Es gibt noch viele weiße Flecken in unserem Netz“, sagt Kohlsaat. „Wir wollen Easyjet hier deutlich ausbauen.“ Noch in der kommenden Woche will Easyjet einen neuen Flughafen bekannt geben. Auch neue Drehkreuze sind geplant. „Es wird mindestens ein neues Drehkreuz in Deutschland geben, das ist für das kommende Frühjahr geplant“, sagte Kohlsaat. Wo genau, will er nicht sagen. Nur so viel: „Der Norden und der Süden sind noch nicht abgedeckt, mit Dortmund sind wir im Westen gut aufgestellt, aber auch hier werden wir mittelfristig überlegen, ob es noch andere Möglichkeiten gibt.“ Derzeit werde verhandelt. „Wir müssen jemanden finden, der zu uns passt. Mit den Flughäfen Hamburg und München würde unser Modell nicht funktionieren, die sind zu teuer.“ Bis zu acht neue Flugzeuge werde Easyjet 2006 hierzulande stationieren.

Aber es soll auch mehr Flüge von den bestehenden Drehkreuzen geben, vor allem ab Berlin-Schönefeld. „Im nächsten Jahr kommen mindestens zwei neue Flugzeuge nach Berlin“, sagt Kohlsaat. Berlin spiele „eine ganz entscheidende Rolle“. Zwar sei Germanwings eine harte Konkurrenz. „Momentan kommen wir uns aber noch nicht ins Gehege, weil wir unterschiedliche Routen fliegen.“

In Berlin-Brandenburg gebe es noch reichlich Potenzial an Passagieren, auch wenn in der Region die Kaufkraft nicht so hoch sei, sagt Kohlsaat. Die Passagiere kämen in „Wellen“: Als Erstes kauften sich höher gebildete Besserverdiener Tickets beim Billigflieger – sie wollen beim Wochenend-Trip mehr Geld für das Hotel ausgeben und am Flug sparen. Dann kämen Geschäftsleute, vor allem Mittelständler. Und erst dann würden die Gruppen aus den unteren Einkommensschichten zu den Easyjet-Passagieren zählen. In Berlin sei das noch kaum der Fall, sagt Kohlsaat, die meisten seien Gutverdiener und Studenten.

Und auch auf eine andere Passagiergruppe hofft Easyjet: Es fehlten in Deutschland noch diejenigen, die ein unbekanntes Ziel mit dem Billigflieger ausprobieren würden, nur weil es billig ist. Deshalb sei etwa die Strecke Berlin–Tallin schlecht ausgelastet. „In Großbritannien sind wir schon so bekannt, dass die Menschen einfach dort hinfliegen, wo es am günstigsten ist. Hier dauert das etwas länger.“

Die Preise sollen trotzdem nicht sinken – der Durchschnittspreis liege bei 60 Euro und „wird in den kommenden Monaten recht stabil bleiben“. Viel Spielraum nach unten bleibe wegen des hohen Kerosinpreises nicht. Ein Aufschlag käme jedoch nicht in Frage, versicherte Kohlsaat. Den Verlust, der sich bei Easyjet im ersten Halbjahr um 15 Prozent auf 31 Millionen britische Pfund erhöht hat, findet Kohlsaat nicht beunruhigend. Das Hauptgeschäft werde im Sommer erwirtschaftet. Und die Passagierzahlen sowie die Auslastung der Flugzeuge seien im ersten Halbjahr gestiegen.

Im Gesamtjahr rechnet Easyjet wieder mit einem Gewinn. Voraussetzung dafür ist weiteres Wachstum. Das Streckennetz von Easyjet soll von Deutschland aus jetzt vor allem auf Sonnenziele in Südeuropa, auf Skandinavien und Osteuropa ausgeweitet werden. Aber selbst Kohlsaat gibt zu: „Irgendwann ist Schluss. Das Billigflugsegment wächst halt irgendwann nicht mehr.“ Wann, sagt er nicht.

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