Wirtschaft : Hauptsache britisch

BMW scheut keine Umstände, um die neue Rolls-Royce-Generation den Wünschen der Fans anzupassen

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Von Scott Miller Goodwood

Im Sommer 1999 überredete der BMW-Ingenieur Karl-Heinz Kalbfell seinen Arbeitgeber, ihm einen Rolls-Royce Silver Seraph zu kaufen. Und ging dann mit dem luxuriösen Wagen auf Reisen. Zwei Monate lang fuhr Kalbfell in seinem Rolls-Royce kreuz und quer durch England. Er traf die britische Aristokratie und holte ihre Meinung über Rolls-Royce ein. Er war bei Gesellschaftsereignissen wie dem Pferderennen von Ascot. Er nahm an Parties in Schlossgärten und an Cricket-Matches teil – immer mit Gin-Tonics im Überfluss. Kalbfell machte jene Art von Geschäftsreise, bei der verdächtige Spesenabrechnungen herauskommen.

Am ersten Januar wird die Öffentlichkeit das Ergebnis von Kalbfells Reise sehen: Dann rollt eine neue Rolls-Royce-Generation vom Band. 1998 hatte BMW die Markenrechte der britischen Nobelmarke erworben und will nun Rolls-Royce in eigener Regie herstellen. BMW plant, im südenglischen Goodwood jedes Jahr 1000 Wagen herzustellen. Der Verkaufspreis: mehr als 300 000 Euro.

Damit knüpft BMW an eine legendäre Autogeschichte an. Der erste Rolls-Royce entstand 1906 – zwei Jahre, nachdem sich der Ingenieur Henry Royce und der Millionärssohn und Rennfahrer Charles Rolls begegnet waren. Von Anfang an galt ihr sechszylindriger Silver Ghost als eines der besten Autos der Welt. Rolls-Royce ist zum Synonym für technische Raffinesse und grenzenlosen Luxus geworden und seit langem die Lieblingsmarke der königlichen Familie.

Für den BMW-Konzern ist die Herstellung des prestigereichen Wagens allerdings ein Risiko. Zunächst hat der britische Adel ein gutes Gedächtnis. „Mehr als 90 Prozent der Briten waren sehr traurig, als Rolls-Royce in ausländische Hände ging", sagt Philip Hall, Vorstandschef der Sir Henry Royce Memorial Foundation. Besonders paradox fand so mancher Brite, dass der neue Eigentümer ausgerechnet ein deutscher Konzern ist. Schließlich hatte Rolls den Motor des berühmten britischen Kampfflugzeuges „Spitfire" entwickelt, mit dem Großbritannien die deutsche Luftwaffe im Zweiten Weltkrieg schlug.

Wie groß der Unmut über den Eigentümerwechsel war, spürten BMW-Manager am eigenen Leib. Der Konzern hatte Mitarbeiter nach Großbritannien geschickt, die im Gespräch mit Rolls-Royce-Fans die Gemüter beruhigen sollten. Als einer der ersten BMW-Manager in einem britischen Rolls-Royce Fanclub aufkreuzte und einen älteren Herrn zu einem ausgestellten Spitfire-Kampfflugzeug befragte, entgegnete der ihm: „Das, mein Junge, haben Deine Leute in ihrem Rückspiegel gesehen.“

BMW musste nicht nur die Skepsis britischer Rolls-Royce-Fans überwinden, sondern stand auch vor einer technischen Herausforderung. Für die Entwicklung des neuen Rolls-Royce-Modells hatte der Autokonzern wenig in der Hand. Genauer gesagt: Nichts, bis auf die Zierfigur auf der Kühlerhaube, jene geflügelte Figur mit dem Namen Emily, „Spirit of Ecstasy". BMW hatte zwar vor vier Jahren im Bieterstreit für die Rolls-Royce-Marke VW-Chef Ferdinand Piëch ausgestochen. Doch der Rest, also Produktionsanlagen, Mitarbeiter und Händlerniederlassungen, gingen an VW.

BMW ließ sich davon nicht abschrecken. Kalbfell war überzeugt, er, Designer und Ingenieure müssten nur mit vielen Autobesitzern, Fans und Historikern sprechen, um ein Gefährt herstellen zu können, das an die glorreichen Jahre von Rolls-Royce erinnern würde. So flog er mit 20 Mitarbeitern nach England. Dort machten sie sich daran, Zweiflern das Gegenteil zu beweisen.

Zunächst besuchten die BMW-Mitarbeiter mehr als hundert Mal das offizielle Rolls-Royce-Archiv im Hunt House, einer Einrichtung für die Autoliebhaber, und studierten jeden Rolls-Royce bis ins letzte Detail.

Dann ging Kalbfell auf seine Recherchetour quer durch England. Einer der ersten Halts: Ein Picknick in Oxford. Kalbfell unterhielt sich mit Rolls-Royce-Besitzern und fragte sie, was sie von einem Modell erwarteten. „Wir wollen, dass es verlässlich ist", sagten sie ernst und rekapitulierten die Probleme, die es mit Rolls-Royce-Wagen in den vergangenen Jahren gegeben hatte. Kalbfell versprach, ein zuverlässiges Auto zu liefern.

Er und seine Mitarbeiter wollten aber auch den Glanz der alten, glamourösen Rolls-Royce-Wagen in „ihrem" Auto wieder aufleben lassen. In den jüngeren Rolls-Royce-Generationen ist das Lenkrad häufig klein und kompakt, dabei war es ursprünglich groß und schmal. Kalbfell will außerdem das Markenzeichen größer machen. Über die Jahre war es offenbar geschrumpft, wie er bei seinen Recherchen feststellte. Dann setzte sich das BMW-Team mit einer fast mythischen Verklärung der Rolls-Royce-Liebhaber auseinander: der so genannten „waftability", das man bei BMW mit „der Fähigkeit zu wehen" übersetzte. Wenn man den Wagen beschleunigt und bei hoher Geschwindigkeit fährt, dann soll dem Motor die Kraftanstrengung nicht anzumerken sein. „Es soll sich so anfühlen, als ob einen die Hand Gottes bewegt", sagte Tony Gott, der jetzige Leiter des Rolls-Royce-Projektes bei BMW.

Ein weiteres Problem von BMW war, die Öffentlichkeit zu überzeugen, dass der neue Rolls-Royce eine britische Kreation ist. Rolls-Royce-Liebhaber waren von Gerüchten entsetzt, wonach BMW die Produktion aus Großbritannien verlagern wollte. BMW versichert: Auch wenn die Karosserie in Deutschland produziert wird, verbringt jeder Rolls-Royce drei Wochen in Großbritannien. Dort erhält der Wagen seine „Britishness" - das feine Leder und polierte Holz.

Haben die ganzen Anstrengungen von BMW genutzt? Viele britische Rolls-Royce-Eigentümer loben die Bemühungen des Autokonzerns. Doch nur wenige glauben an den Erfolg des neuen Modells. Kalbfell weiß, dass sich BMW keinen Fehler erlauben darf: „Rolls-Royce-Kunden sind am Anfang so gut wie unsichtbar und wenn man sich ihnen in der falschen Weise nähert, verschwinden sie ganz.“

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