Wirtschaft : Hauptstadt Berlin - Metropole der Zukunft

VON URSULA WEIDENFELD

Wo steht Berlin? Und wie entwickelt sich die Stadt? Den ersten Teil der Frage beantworten normalerweise Statistiken und Umfragen, den zweiten Zukunftsforscher und Prognostiker.Der Tagesspiegel und das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin machen mit ihrer Inititative Berlin Future den Versuch, beides zusammenzubringen.Die ersten Ergebnisse liegen vor - und werden in den kommenden Monaten fortgeschrieben und ergänzt.

Schon bei der ersten Umfrage, die das DIW zusammen mit dem Tagesspiegel unter rund dreißig führenden Wirtschaftspersönlichkeiten Berlins durchgeführt hat, zeigt sich, daß die Unternehmer und Manager viele Dinge in einem anderen Licht sehen als das statistische Daten ausdrücken können.Dienstleistungs-Unternehmer wie Peter Dussmann und Manager wie Debis-Chef Klaus Mangold, Werbefachleute wie Scholz & Friends-Chef Sebastian Turner und Teles AG-Gründer Schindler: Die Wirtschaftsleute zeichnen zwar ein insgesamt deprimierendes Bild von der gesamtwirtschaftlichen Situation dieser Stadt - so wie es die amtlichen Statistiken und die Konjunkturumfragen der Industrie- und Handelskammer auch zeigen.Doch die Erwartungen an die Zukunft sind überwiegend positiv.

Vor allem der Regierungsumzug wird nach Einschätzung der Tagesspiegel-Befragten Impulse bringen: für die Dienstleister, die unternehmensnahen Dienstleitungen und für alle, die mit Gästen, Fremdenverkehr und Tourismus zu tun haben.Der Regierungsumzug werde auch entscheiden, ob sich Berlin im Ganzen in diesem Jahr besser oder schlechter als andere deutsche Großstädte entwickeln wird.Denn insgesamt erwarten die Unternehmer, Unternehmensberater, Existenzgründer und Manager, daß sich Berlin - blieben Impulse wie der Umzug aus - nun im Gleichklang mit anderen westdeutschen Großstädten entwickeln wird.Die Industrie wird dagegen in und für Berlin eine immer geringere Rolle spielen.Nach Meinung der Befragten wird der Niedergang der Industrie noch eine ganze Weile lang die wachsenden wirtschaftlichen Stärken Berlins verschleiern: Denn die Zahlen der Statistik werden wohl noch länger alarmierend schlecht bleiben, Berlin noch lange das Schlußlicht in der wirtschaftlichen Entwicklung der deutschen Länder sein.Unternehmen werden weiterhin nach Brandenburg auswandern, die Bauindustrie noch über Jahre hinweg mit Anpassungsproblemen zu kämpfen haben.

Doch darunter herrscht in Berlin längst ein "innovatives Klima", urteilen die Teilnehmer der Befragung.Als Wissensstandort gewinne die Universitätsstadt nicht nur in den Hörsälen an Profil, sondern auch bei Unternehmensgründungen für Software, im Biotech- und Hightech-Bereich.Und: In Berlin wächst nicht nur der Markt für Dienstleistungen aller Art - die Produktionsbedingungen dafür sind auch besser als in vielen anderen deutschen Städten.Die Büromieten sind niedriger, die Lebenshaltungskosten ebenfalls - und die Arbeitskosten für hochqualifizierte Mitarbeiter liegen auch deutlich unter denen in Hamburg, München oder Frankfurt (Main).

Um so schmerzlicher vermissen die Wirtschaftler ein Stadtbild, das zu den hochfliegenden Ambitionen paßt: Durchlöcherte Straßen, hohe Kriminalität, schlechte Schulen und ein insgesamt schlechtes Erscheinungsbild der Stadt trüben die Lust an Berlin.Für "provinziell" gehalten zu werden, ist kein Problem, solange nur Außenstehende eine Stadt so beschimpfen.In Berlin aber denken auch viele der innovativsten Unternehmer so.

Gute Noten bekommt überraschend der neue Wirtschaftssenator Wolfgang Branoner für die ersten Monate im Amt.Eine satte zwei bis drei fährt der Senator ein - angesichts der allgegenwärtigen Klagen über die Berliner Verwaltung ein erstaunliches Ergebnis.Als stark verbesserungsfähig empfinden die Berliner Unternehmer und Manager allerdings die öffentliche Verwaltung, von der sie eine stärkere Markt- und Dienstleistungsorientierung erwarten, und eine wirtschaftspolitische Strategie fordern, die länger als eine Legislaturperiode trägt.Daß Berlin und Brandenburg immer noch nicht zusammen regiert werden, halten die befragten Unternehmer schlicht für einen Skandal.Und ein paar mehr Unternehmer würden der Stadt auch gut bekommen, meint die prominente Minderheit der Wirtschaftsbosse.Dafür müsse die Verwaltung auswärtigen Investoren Angebote machen.

Zwar werde Berlin nie wieder ein zentraler Standort im deutschen und europäischen Wirtschaftsleben werden, weil in Deutschland anders als beispielsweise in Frankreich die Unternehmen längst nicht mehr auf die Nähe zur Hauptstadt angewiesen sind.Die große industrielle Tradition der ersten deutschen Hauptstadt wird sich nicht wiederholen.Schon bald aber könne Berlin mit Wien, Brüssel und westdeutschen Ballungsgebieten mithalten - in derselben Liga wie Prag, Warschau und Budapest.

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