Wirtschaft : Hauptstadt der Hoffnung

Vergeblich hat sich Berlin um E-Plus bemüht. Auch Vodafone kommt nicht. Jetzt regt sich Kritik an der Ansiedlungspolitik

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Berlin/Düsseldorf - Wieder einmal hat Berlin vergeblich gehofft. Nach der Entscheidung von E-Plus, mit seiner Firmenzentrale nun doch nicht von Düsseldorf nach Berlin zu ziehen, wird Kritik an der Ansiedlungspolitik der Hauptstadt laut. Martin Rosenfeld vom Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) sagte dem Tagesspiegel, dass Berlin „in die falsche Himmelsrichtung“ schaue. „Die Stadt sollte weniger nach Westen als auf die aufstrebenden Märkte im Osten blicken“, riet der Stadt-Ökonom. Karl Brenke vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) sagte, dass sich zwar die Werbung für Berlin in den letzten Jahren verbessert habe, vor allem durch die engere Zusammenarbeit mit Brandenburg. „Aber die wirtschaftlichen Stärken der Region müssen mehr als bisher in den Vordergrund gestellt werden.“

Wirtschaftssenator Harald Wolf (Linkspartei) bedauere die Entscheidung von E-Plus, sagte seine Sprecherin. Berlin habe sich gut präsentiert, „aber wenn die Mitarbeiter von E-Plus lieber am Rhein bleiben wollen, können wir das nicht ändern“. Ein E-Plus-Sprecher erklärte, mangelnder Einsatz der Berliner Wirtschaftsförderer habe nicht zur Entscheidung für Düsseldorf geführt. „Es gab sehr gute Gespräche mit beiden Städten.“ Letztlich habe das Unternehmen unter anderem abwägen müssen zwischen den Fördergeldern, die E-Plus bei einem Umzug nach Berlin erhalten hätte, und den Kosten für die Neuansiedlung der Zentrale samt 1200 Mitarbeitern in der Hauptstadt. Zudem machte der Sprecher „soziale Gründe“ geltend. Teile der Belegschaft hatten einen Umzug als unzumutbar empfunden. Immerhin wird E-Plus nun eine Hauptstadtrepräsentanz „mit einer Handvoll Mitarbeiter“ in Berlin eröffnen. Der E-Plus-Sprecher wies Vermutungen von Arbeitnehmerseite zurück, das Unternehmen habe einen Umzug nach Berlin nicht ernsthaft in Betracht gezogen, sondern gegenüber den Mitarbeitern und der Stadt Düsseldorf lediglich eine Drohkulisse aufbauen wollen.

Der Fraktionsvorsitzende der FDP im Abgeordnetenhaus, Martin Lindner, warf dem Senat vor, die Stärken Berlins nicht auszuspielen und die Schwächen nicht zu beseitigen. „Berlin hat zwar niedrige Immobilienpreise“, sagte Lindner dem Tagesspiegel, „aber wir leisten uns zu hohe Abgaben und zu viel Bürokratie. Es kann doch nicht sein, dass Unternehmer sich bei Ansiedlungsverhandlungen auf den Fluren der Berliner Bezirksverwaltung wiederfinden.“ Frank Jahnke, wirtschaftspolitischer Sprecher der SPD-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus, wies Lindners Kritik als „ideologisch“ zurück. „Natürlich haben wir mit E-Plus eine Chance verpasst. Aber Berlin ist nicht schlechter als Düsseldorf.“ Auch die Wirtschaftsförderer von Berlin Partner, die mit E-Plus über einen möglichen Umzug verhandelten, sehen die Entscheidung von E-Plus „nicht als Entscheidung gegen Berlin“, wie Sprecher Christoph Lang sagte. „Wir haben ein gutes Angebot gemacht und einen ausgezeichneten Eindruck hinterlassen.“

E-Plus-Konkurrent Vodafone hat sich ebenfalls gegen Berlin als möglichen Standort für ein europaweites Servicecenter entschieden. Im Gespräch war, Rechnungswesen, Buchhaltung und ähnliche Funktionen hier anzusiedeln. „Ich war unterwegs mit dem Regierenden Bürgermeister und auch mit der IG Metall, um diese Funktionen nach Berlin zu holen“, sagte Vodafone-Deutschlandchef Friedrich Joussen dem Tagesspiegel. „Es ist uns leider nicht geglückt.“ Doch es habe nicht am mangelnden Engagement des Berliner Senats gelegen, auch die Gewerkschaft sei dem Konzern weit entgegengekommen, sagte Joussen. „Es war schwer zu vermitteln, warum Arbeitsplätze von der Türkei oder Ägypten nach Berlin verlagert werden sollen.“

Stadt-Ökonom Rosenfeld vom IWH rät: „Berlin sollte nicht versuchen, die Zentralen großer Firmen anzuwerben, sondern kleine Unternehmen aus Polen, Indien oder China, die hier ihre Europazentralen gründen wollen. Das sind die Unternehmen der Zukunft.“ Doch dazu müsse mehr Kompetenz in der Stadt vorhanden sein. „Das fängt bei polnischen Sprachkenntnissen an“, sagte Rosenfeld.

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