Wirtschaft : Hauptstadt der Pleiten

Fast überall in Deutschland sinkt die Zahl der Firmeninsolvenzen – in Berlin steigt sie. Für den Senat kein Grund zur Panik

Stefan Kaiser

Berlin - In Berlin ist die Zahl der Firmenpleiten 2007 erstmals seit vier Jahren wieder gestiegen. Das geht aus Daten der Wirtschaftsauskunftei Creditreform hervor, die dieser Zeitung vorliegen. Demnach mussten im vergangenen Jahr 1470 Berliner Betriebe Insolvenz anmelden – 4,3 Prozent mehr als 2006. Berlin ist zusammen mit Nordrhein-Westfalen das einzige Bundesland, in dem die Zahl der Pleiten zugenommen hat. In Brandenburg mussten dagegen 16,7 Prozent weniger Unternehmen Insolvenz anmelden. Im Bundesdurchschnitt ging die Zahl laut Creditreform um 10,4 Prozent zurück. Insgesamt seien 2007 gut 30 000 Unternehmen in Deutschland pleitegegangen.

„Berlin hat sich vom Bundestrend abgekoppelt“, sagte Christian Wolfram, Geschäftführer der Creditreform Berlin. 2006 war die Zahl der Pleiten in der Hauptstadt noch um 18 Prozent gesunken. Wolfram erklärt das verdüsterte Bild mit dem hohen Anteil von Kleinstunternehmen in Berlin. Diese seien oft aus der Not heraus gegründet worden – etwa als Ich-AG – und besonders insolvenzanfällig. Hinzu komme die „einseitige Branchenstruktur“ Berlins, mit wenig Industrie und viel Dienstleistungen. „Berlin ist abhängiger von Dienstleistungen als andere Bundesländer“, meint auch Volker Beissenhirtz von der auf Insolvenzrecht spezialisierten Kanzlei Schultze & Braun. Gerade die in der Hauptstadt häufig vertreteten künstlerischen Dienstleistungen wie etwa Webdesigner seien sehr insolvenzanfällig. „Da gehen viele schnell wieder unter“, sagt Beissenhirtz. Er erkennt zudem einen „Investitionsstau bei der öffentlichen Hand“, der zu den gestiegenen Pleitezahlen beigetragen haben könnte.

Wirtschaftssenator Harald Wolf (Die Linke) warnt dagegen vor voreiligen Schlüssen. „Man darf die Insolvenzzahlen nicht isoliert betrachten, sondern muss gleichzeitig die Zahl der Gründungen heranziehen, wenn man sich ein Bild vom Gesamtgeschehen machen will“, sagte er dem Tagesspiegel am Sonntag. Bei den Gründungen befinde sich Berlin schon seit einigen Jahren im Bundesländervergleich in der Spitzengruppe der besten drei. Beim Saldo aus Gewerbeneueinrichtungen und -stilllegungen habe Berlin 2006 gemeinsam mit Hamburg den Spitzenplatz belegt. An einem Wirtschaftsstandort wie Berlin, der sich in einem dynamischen Strukturwandel befinde, werde viel Neues ausprobiert, sagte Wolf. „Doch nicht alle Neuunternehmungen sind mit ihren Ideen erfolgreich.“ Ein dynamischer Wettbewerb müsse mit solchen Anpassungsprozessen leben, „so bedauerlich die Insolvenz eines Unternehmens in jedem einzelnen Fall auch ist“.

Auch bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) Berlin löst die leicht gestiegene Zahl von Pleiten „keine Beunruhigung aus“, wie Hauptgeschäftsführer Jan Eder auf Anfrage sagte. Auch er verweist auf die Gründungsfreude der Berliner. Bei der ohnehin klein- und mittelständig strukturierten Berliner Wirtschaft könne es passieren, dass die Zahl der Konkurse vorübergehend zunimmt, sagte Eder. „Das sind normale Schwankungen.“

2007 hat sich Berlin auch bei den Privatinsolvenzen schlechter entwickelt als der Bundesdurchschnitt. Laut Creditreform mussten im vergangenen Jahr 8360 Personen Insolvenz anmelden – 18,2 Prozent mehr als 2006. Bundesweit zählte Creditreform 139 510 Verbraucherpleiten – gut zwölf Prozent mehr als im Vorjahr. In Brandenburg stieg die Zahl um 24,2 Prozent auf 6310.

„Die einzig gute Nachricht für Berlin ist, dass die Zuwachsraten geringer werden“, sagte Creditreform-Geschäftsführer Wolfram. 2006 war die Zahl der Verbraucherinsolvenzen noch um fast 40 Prozent gestiegen. Wolfram wies darauf hin, dass die Anwendung des 1999 eingeführten Verbraucherinsolvenzverfahrens noch immer nicht allen Menschen bekannt sei. Doch dies sei nicht allein der Grund für die steigenden Zahlen. „Auch die Zahl der überschuldeten Haushalte steigt.“ Als Gründe nennt Wolfram die „klassischen Themen: Trennung vom Lebenspartner und Arbeitslosigkeit“. Viele Betroffene seien „unfähig, mit den begrenzten Mitteln umzugehen“. Hinzu komme der verschärfte Wettbewerb der Banken, die mit Angeboten für Ratenkredite lockten. „Die Banken sind manchmal nicht fair genug, zu sagen ,das machen wir nicht‘.“

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