Hauptversammlung : Krisensitzung bei Daimler

„Daimler ist ein Wertvernichter – und das ohne Chrysler“ – Applaus. „Stellen Sie den Maybach ein!“ – langer Applaus. „Gehen Sie raus aus der Formel 1!“ – Johlen im Saal. Auf der Daimler-Hauptversammlung in Berlin wurde es dem Vorstand nicht leicht gemacht - es hagelte bittere Kritik.

Henrik Mortsiefer
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BerlinBerlin - „Daimler ist ein Wertvernichter – und das ohne Chrysler“ – Applaus. „Stellen Sie den Maybach ein!“ – langer Applaus. „Gehen Sie raus aus der Formel 1!“ – Johlen im Saal.

Daimler-Chef Dieter Zetsche muss sich am Mittwoch auf der Hauptversammlung beißende Kritik der Aktionäre anhören. Der Autokonzern steckt in der Krise, so wie die ganze Branche in der Krise steckt. Zetsche hat die mehr als 6000 anwesenden Eigentümer in seiner Rede auf ein bitteres Jahr eingestimmt und versucht, vorsichtigen Optimismus zu verbreiten. Aber an den Fakten kommt er nicht vorbei: Die Aktie ist abgestürzt, der Absatz bricht seit Monaten zweistellig ein, Umsatz und Gewinn werden 2009 unter dem Vorjahreswert liegen. „Das Ergebnis im ersten Quartal wird deutlich negativ sein“, kündigt Zetsche an. Erstmals schließt er für den „äußersten Fall“ auch Entlassungen nicht aus. Daimler muss Milliarden sparen. Am Morgen haben Beschäftigte vor dem Kongresszentrum ICC dagegen protestiert – mit Zetsche-Masken und Sammelbüchsen.

Der Applaus der Aktionäre ist Lars Labryga von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger deshalb sicher, weil er seine Forderungen an das Management richtet. Aber der Ton auf dieser Krisensitzung bleibt überraschend moderat, die Stimmung im Saal kippt nicht. Turbulent geht es nur bei Zetsches Rede zu, als ein Aktionär mit lauten Zwischenrufen immer wieder interveniert. „Raus, raus!“, fordert das Auditorium ihn auf. Aber der Störer lässt nicht nach. Aufsichtsratschef Manfred Bischoff muss ihm mit Rausschmiss drohen. Ungleich freundlicher hat er zuvor den neuen Großaktionär aus Arabien – die staatliche Investmentgesellschaft Aabar aus Abu Dhabi – begrüßt, die jüngst 9,1 Prozent der Daimler-Aktien für 1,5 Milliarden Euro gekauft hat.

Zetsche kommt den Aktionären mit ungewohnter Selbstkritik entgegen. Er räumt Fehler im Krisenmanagement ein und denkt darüber nach, ob man zu spät auf den Markteinbruch reagiert habe. „Ich gebe zu, im Nachhinein würden wir uns wünschen, wir hätten Mitte letzten Jahres noch früher gebremst“, sagt er. Der Bestand an zu viel produzierten Autos sei erst Ende März 2009 auf das Niveau des Vorjahres gesunken. „Aber das ist noch nicht genug.“ Mit Produktionskürzungen und Kurzarbeit soll die Halde bis Mitte 2009 den „Marktverhältnissen“ angepasst werden. Labryga nennt das einen „klaren Planungsfehler“.

Auch der Vergleich mit den Wettbewerbern fällt für Daimler wenig schmeichelhaft aus. Im Pkw-Segment wiesen die Stuttgarter beim CO2-Ausstoß die schlechtesten Durchschnittswerte aller Hersteller in Europa auf, kritisiert Ingo Speich von der Fondsgesellschaft Union Investment. BMW sei besser. Der „Wettbewerber im Süden“, wie Zetsche BMW nennt, sei hier durchaus erfolgreich, konzediert er. Aber auch Daimler werde bis 2012 die Pkw-Neuwagenflotte auf einen durchschnittlichen CO2-Wert von 140 Gramm pro Kilometer bringen. Die Umweltwerte der neuen E- Klasse oder des S-Klasse-Hybrids sollen einen Vorgeschmack geben.

Bei Daimler treibe der Wandel das Management – nicht umgekehrt, setzt Fondsmanager Speich nach. „Daimler unterschätzt den Paradigmenwechsel.“ Nachhaltigkeit zu propagieren und dann nicht in Produkte umzusetzen sei „grob fahrlässig“. Saubere Fahrzeuge in der Produktpalette vermisst auch Ulrich Wecker von der Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz. „Bringen Sie die PS ihrer Ingenieure auf die Straße“, appelliert er an Zetsche.

Der wirbt unverdrossen um Verständnis für die Nöte des Konzerns angesichts doppelt schwieriger Rahmenbedingungen – Rezession und gleichzeitiger Investitionsbedarf für neue Antriebstechnik. „Wir sprechen nicht von einer Krise, die nach einem Jahr hinter uns liegt und vergessen ist“, sagt Zetsche. Daimler wolle gleichwohl „auch in Zeiten schwacher Märkte ein starkes Unternehmen bleiben“. Zumindest die Börse glaubt ihm: Die Aktie legte am Mittwoch um bis zu 8,6 Prozent zu und schloss 7,9 Prozent im Plus.

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