Haustarif bei Bosch Solar : Nur noch 38 Stunden für die Sonne

Was in der Arbeitswelt der Auto-, Metall- und Elektroindustrie vielerorts Standard ist, ist bei Solarzellenherstellern völlig neu. Bei Bosch Solar in Thüringen gilt ab heute ein Haustarifvertrag – das in einer Region mit Billiglohnimage.

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Es ist der wohl letzte heiße Abend des Sommers. Armin Schild sitzt mit einigen Mitstreitern im Hof eines Restaurants in der Erfurter Altstadt, die Krawattenknoten sitzen locker, Schilds Hosenträger spannen über seinem weißen Kurzarmhemd, er grient übers ganze Gesicht: „Diesen Tarifvertrag werden wir zum Standard in der gesamten Branche machen“, sagt er und bestellt noch ein Bier.

Der IG Metall-Bezirksleiter für Hessen und Thüringen feiert einen großen Sieg: Erstmals ist es ihm und seinen Mitstreitern nach eineinhalb Jahren Verhandlung gelungen, in einem Solarunternehmen einen Haustarifvertrag durchzusetzen. Und zwar gleich bei einem der größten: Bosch Solar Energy in Thüringen. Am heutigen 1. September tritt er in Kraft.

Die IG Metall verteilt zu dem Anlass derzeit unter den Belegschaften der Konkurrenzfirmen ein Flugblatt mit den wichtigsten Eckpunkten. Es liest sich für Manager von Q-Cells, Conergy oder Solon wie eine Horrorstory: Die wöchentliche Arbeitszeit sinkt bei Bosch Solar in Schritten von 40 auf 38 Stunden, Azubis müssen für zwölf Monate übernommen werden, es gibt Sonderzahlungen, Erfolgsprämien, Zuschläge für Nacht- und Feiertagsarbeit und überhaupt regelmäßig mehr Geld. Angestellte können sich Überstunden auszahlen lassen oder sie abbummeln.

Was in der Arbeitswelt der Auto-, Metall- und Elektroindustrie vielerorts Standard ist, ist bei Solarzellenherstellern und Windkraftanlagenbauern völlig neu. „Die Branchen der Erneuerbaren sind tarifpolitisches Niemandsland“, sagt Schild. Das hat die IG Metall nun erstmals betreten – und zwar in der Gemeinde Arnstadt, 20 Kilometer südlich der thüringischen Landeshauptstadt.

Bosch Solar hatte dort erst im vergangenen Jahr einen neuen Standort eingeweiht. Von Glasscheiben im ersten Stock aus können Besucher die fußballfeldgroßen Produktionshallen überblicken. Hellgrau verkleidete Maschinen ätzen hier mit Flusssäurelösungen Rillen im Mikrometerbereich in dünne Platten, andere reinigen Solarzellenrohlinge mit Ultraschall. Braucht es überhaupt noch Menschen, die den Öfen und Pressen ins Handwerk pfuschen?

Tatsächlich werden auch bei einem Automatisierungsgrad von bis zu 95 Prozent in so einer modernen Zellenfabrik noch Hände gebraucht. Allein Bosch beschäftigt an seinen drei Standorten 2700 Menschen, darunter Elektroniker, Mechatroniker, Kaufleute, Maschinenbauer. Aber man braucht nicht zwingend ein Diplom, um in dieser angeblichen Zukunftsbranche einen Job zu ergattern. Auch darum haben vor allem ostdeutsche Landespolitiker Solarfirmen mit in ihre Regionen gelockt. Zellenhersteller und Modulproduzenten sollten als Massenarbeitgeber die Lücken am Arbeitsmarkt schließen, die die DDR-Industrie hinterließ.

So warben und werben lokale Wirtschaftsminister bis heute mit Subventionen und mit einem Lohnniveau, das teilweise bis zu 30 Prozent unter dem im Westen liegt. Auch 40-Stunden-Wochen, Schichtarbeit an 356 Tagen, mehrfache Befristung von Arbeitsverträgen, Einstiegslöhne kaum über dem Hartz-IV- Satz: All das ist zwischen Prenzlau und Erfurt möglich. Die Branche beschäftigt so rund 15 000 Leute im Osten.

Der gebürtige Sauerländer Matthias Machnig (SPD) ist seit Ende 2009 Wirtschaftsminister in der großen Koalition Thüringens. „Wir müssen das Image vom Niedriglohnland loswerden“, sagt er und unterstützt daher seine Duzfreunde von der IG Metall nach Kräften – auch, weil er davon überzeugt ist, dass angesichts der chronischen Abwanderung junger Leute Firmen etwas bieten müssen. Nur so könne man schlaue Köpfe in die Region holen. Mit dem „Wettbewerb um Fachkräfte“ erklärt auch die Geschäftsführung bei Bosch Solar ihre Zustimmung zum Tarifvertrag.

Hubert Aulich kann das Argument im Prinzip verstehen – aber nicht, warum er dafür die IG Metall in sein Haus lassen muss. Mit insgesamt rund 400 Mitarbeiter produziert seine PV Crystalox in Deutschland, England und Japan Wafer, ein Vorprodukt für Solarzellen. Er zahlt selbst einfachen Arbeitern mindestens 7,50 Euro die Stunde, und versucht, gute Mitarbeiter zu halten. „Wir werden niemals mit Lohnkosten in China mithalten können“, sagt er. Aber die Preise für Wafer und Module seien auf dem Weltmarkt um mindestens 40 Prozent seit 2010 eingebrochen – „weil die Chinesen ihren Firmen zuletzt einen kostenlosen 18-Milliarden-Dollar-Kredit gewährt haben.“ Selbst bei einem relativ niedrigen Lohnkostenanteil von zehn Prozent lasse sich der Einbruch nicht auffangen. Für Lohnsprünge sehe er daher keinen Raum.

Auch mancher Arbeitnehmervertreter sieht die IG Metall-Offensive skeptisch. Harald Frick, Konzernbetriebsrat von Conergy in Frankfurt (Oder) sagt: „Lohnerhöhungen und dergleichen sind bei uns jetzt überhaupt kein Thema. Wir kämpfen darum, Weihnachten zu erleben.“

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