Wirtschaft : Hebel für Mutige

Knock-Out, Faktorzertifikat oder ETF mit Leverage: Spezielle Anlageprodukte versprechen Extra-Renditen – mit hohem Risiko.

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Abheben. Wer Rendite-Raketen für sein Depot sucht, wird bei Hebelprodukten fündig. Doch die Chancen sind so groß wie das Risiko. Foto: AFP Foto: AFP
Abheben. Wer Rendite-Raketen für sein Depot sucht, wird bei Hebelprodukten fündig. Doch die Chancen sind so groß wie das Risiko....Foto: AFP

Nach bald vier Jahren Finanz-, Geld- und Staatsschuldenkrisen ist es verpönt wie nie, Risiken einzugehen. Querbeet mühen sich Berater und Verbraucherschützer, Anleger bei der Risikovermeidung und -minimierung zu beraten. Gut ist, was sicher ist. Doch gleichzeitig gilt natürlich: Nur wer wagt, gewinnt. Ordentliche Gewinne sind nur möglich, wenn ein Anleger auch ordentliche Risiken eingeht. Mit neuen Ideen und Produktzwittern versucht die Finanzindustrie, ihre Kunden ins Risiko zu verführen. Anlegern mit Erfahrung und Mut bietet sich inzwischen eine Vielfalt verschiedener Produkte, die die Entwicklung an den Aktien-, Zins- und Rohstoffmärkten hebeln. Das kann die Gewinne klassischer Investments vervielfachen – aber umgekehrt manchmal auch zum Totalverlust führen.

ETF MIT HEBEL

Eher für den konservativeren Anleger, der spekulative Luft schnuppern möchte, eignen sich gehebelte Exchange Traded Funds (ETF), bei denen Anbieter wie Lyxor, Ishares, Comstage oder db x-trackers ihren sehr beliebten passiven Indexfonds Elemente von Optionsscheinen verpasst haben. Weil ETF Fonds sind und damit das angelegte Kapital als Sondervermögen mit realen Papieren (meist Aktien) abgesichert sein muss, funktioniert dies nur mit einem Griff in die Trickkiste: Der ETF mit „leverage“ (= Hebel) investiert das Geld einfach doppelt, einmal mit dem Geld des Anlegers, ein zweites Mal mit einem Kredit, dessen Finanzierungskosten die Rendite schmälern. Hebeln kann man mit ETF inzwischen nicht nur die großen Aktienindizes, sondern auch Börsen der Schwellenländer, Rohstoffe und Anleihen – und dies jeweils in beide Richtungen, also long (steigende Kurse) und short (fallende Kurse).

Doch Vorsicht: Auf Sicht eines Tages verspricht beispielsweise ein gehebelter Dax-ETF wie der Lyxor ETF Lev Dax einen doppelt so hohen Kursanstieg wie der Dax selbst (minus Kosten). Doch langfristig gilt diese Rechnung so nicht. Da der Hebel jeden Abend wieder auf den Ausgangswert gesetzt wird, schlagen vor allem in schwankenden Märkten die Tücken der Prozentrechnung zu. Das belegt zum Beispiel die Wertentwicklung des db x-trackers Lev Dax daily: Seit Januar hat der Dax knapp 18 Prozent zugelegt, der gehebelte ETF etwa 34 Prozent. Auf Sicht eines Jahres jedoch liegt das Papier nur minimal im Plus, während der Index knapp sechs Prozent geschafft hat.

Alle Anbieter warnen deshalb: Hebel-ETF eignen sich nur als sehr kurzfristiges Investment in Zeiten mit klaren Trends. Da die Hebel im ungünstigen Fall auch nach unten wirken, kann der Anleger einen Großteil seines eingesetzten Geldes verlieren. Vor dem Totalverlust schützt allerdings ein eingebauter Mechanismus: Rauscht etwa der Dax binnen eines Tages mehr als 25 Prozent in die Tiefe, wird der Hebel des Lev Dax für diesen Tag reduziert.

FAKTOR-ZERTIFIKATE

Sehr ähnlich ist auch eine andere Gruppe noch sehr junger Hebel-Produkte konstruiert, die Faktor-Zertifikate. Erst seit rund zwei Jahren auf dem Markt, arbeiten diese Zertifikate mit einem konstanten Hebel, dem Faktor, der täglich neu justiert wird. Produktpionier war die Commerzbank, doch neuerdings haben auch Deutsche Bank und Raiffeisen Centrobank Faktor-Produkte im Portfolio. Der Anleger hat die Qual der Wahl unter hunderten Produkten für schwache oder starke Trends, ob bei einzelnen Aktien, Indizes, Rohstoffen, Renten und oder Zinsen. Er kann, zum Beispiel, mit dreifachem Hebel auf einen Kursverfall der Axel-Springer-Aktie setzen, mit vierfachem Hebel auf Silbergewinne oder auch mit Faktor 40 auf die Zinsentwicklung beim Euribor wetten. Die Papiere sind zwar nicht auf eine bestimmte Laufzeit beschränkt. Wie Blei im Depot liegen sollten sie aber dennoch nicht – aus dem gleichen Grund wie bei den Hebel-ETF.

Ein Beispiel: Eine Aktie verliert an Tag eins fünf Prozent. Das passende Long- Zertifikat mit Faktor vier rauscht um 20 Prozent in die Tiefe. An Tag zwei verliert die Aktie noch einmal drei Prozent, erholt sich an Tag vier jedoch wieder um 8,52 Prozent. Unter dem Strich hat der Besitzer der Aktie nichts verloren. Wer jedoch das Faktor-Zertifikat hält, hat am Ende von Tag drei 29,6 Prozent verloren, am Ende von Tag vier immer noch 5,6 Prozent. Das heißt: Falsch oder zu lange eingesetzt führt das Papier mit hoher Wahrscheinlichkeit zu Verlusten. Vor Totalverlusten schützt, wie bei den Hebel- ETF, ein Not-Mechanismus, der beispielsweise bei einem 20-prozentigen Tagesminus im Dax aktiviert wird.

KNOCK-OUT-ZERTIFIKATE

Wer noch mehr Nervenkitzel sucht, kann zudem auf die klassische Variante zurückgreifen und sich ein Knock-out-Produkt ins Depot holen. Der Name verrät es bereits: Das Geld kann dabei schnell k.o. sein, ein Totalverlust ist möglich. Umgekehrt bieten K.o-Zertifikate oder Turbos auch entsprechende Chancen. Das Risiko liegt in der Barriere – einem Kursniveau, das während der gesamten Laufzeit nie berührt werden darf. Sonst ist das Geld auf einen Schlag komplett weg. Dabei gilt im Unterschied zu Hebel-ETF und Faktor-Zertifikaten: Der Hebel verändert sich dauernd. Er sinkt, wenn die Barriere sich entfernt oder steigt, wenn sie sich nähert. Auch die Laufzeit spielt hier eine Rolle. Ein Dax-Turbo-Call mit Barriere 7000 und Laufzeit Ende April kostete am Mittwoch beispielsweise 80 Cent – und damit 50 Prozent weniger als am Freitag zuvor, dafür aber fast 40 Prozent mehr als am Dienstag. Je weiter die Barriere und das Laufzeitende entfernt sind, desto teurer wird der Schein, desto geringer sind Hebel und damit Chance und Risiko. Die Turbos gibt es stets als Calls für Wetten auf steigende Notierungen und als Puts für Wetten auf fallende Kurse.

Auch hier ist Detailwissen gefragt: Allein im Februar haben Banken 76 469 neue Knock-out-Produkte auf den Markt gebracht. Damit konnte der Anleger Anfang März unter 164 000 verschiedenen K.O.-Zertifikaten wählen. Der Anleger trägt auch das Emittenten-Risiko. Ist die Bank pleite, ist das Papier wertlos.

Verbraucherschützer warnen normale Geldanleger vor Hebelprodukten aller Art. Solche Papiere eigneten sich nur für Investoren, die auf das eingesetzte Geld im Notfall auch verzichten könnten. Schätzungen zufolge gehen bei Hebelprodukten etwa 80 Prozent aller Käufe schief und führen zu Verlusten. Umgekehrt sind, vor allem mit Knock- Outs, auch durchaus einmal Gewinne von mehr als hundert Prozent binnen weniger Tage möglich.

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