Wirtschaft : Hedwig Kalfier-Hoffmann

Geb. 1922

Stephan Reisner

„Ich hab’ zwei Mietshäuser zu vererben, da kann ich dich doch adoptieren!“ Als Hedwig Gertrud Louise Hoffmann kam sie zur Welt. Ihr Vater war Zugführer, die Mutter Hausfrau. Sie selbst lernte Buchhalterin und verlobte sich bald mit einem deutschen Jagdflieger. Über England wurde er abgeschossen.

Nach dem Krieg arbeitete sie in einem Fleischgroßhandel. Sie war fix mit den Rechnungen und verstand sich prächtig mit dem geschäftsführenden Ehepaar. Die Lasahns waren kinderlos und boten ihr ein Zimmer in der großen Wohnung an. Hedwig Hoffmann nahm gerne an. 1954 starb Herr Lasahn, der Betrieb wurde aufgelöst – und Frau Lasahn zog mit Hedwig Hoffmann in eine kleinere Wohnung in ihrem Mietshaus. Sie waren nun beinahe immer beisammen und so gut wie immer gleicher Meinung.

Schließlich kam die Witwe, eine geborene Kalfier, zu einem folgenreichen Schluss: „Weißt du Hedwig, jetzt leben wir schon seit Jahren unter einem Dach, mein Mann ist tot, ich hab’ zwei Mietshäuser zu vererben, da kann ich dich doch adoptieren!“

Gern gingen Adoptivmutter und Adoptivtochter zur Weinprobe in die Schlossberg-Weinstube. Zwei bis drei Mal im Jahr bestellten sie dort einen großen Vorrat Wein und Sekt. Täglich ein Glas Sekt, das war die ideale Erfrischungsdosis für Hedwig Kalfier-Hoffmann. In Bernd Hörnicke, dem Junior des Weinbetriebes, fand sie ihre zweite verwandte Seele. Die beiden waren sich sofort sympathisch. Man hörte es am schönen Klang der zum Toast zusammengeführten Gläser.

„Trudchen“ nannte er sie. Und sie war es, die ihn auf eine neue Geschäftsidee brachte: „Jetzt hast du uns schon so viel Wein verkauft, nun zeig uns doch mal, wo er wächst!“ Also lud Bernd Hörnicke zur Besichtigung der hauseigenen Weinberge an der Mosel und stellte fest, dass der Andrang unter den Freunden die Sitzplatzkapazitäten des gecharterten Busses glatt sprengte. „Die saßen sogar auf den Stufen, obwohl das verboten war!“

Hedwig Kalfier-Hoffmann nutzte jede Gelegenheit, um mit dem neuen Reiseveranstalter durch die Welt zu kommen – ihre Adoptivmutter war 1975 gestorben. Die Fern- und Schiffsreisen mit der MS Deutschland gefielen ihr besonders gut. Zwar dachte sie, dass ruhig auch ein paar Jüngere die Vorteile von Fahrstuhl, Zimmer mit Seeblick und Gangway-Busservice kennen lernen könnten, aber solange Bernd mit an Bord war, war es auch so gut.

Zwischen den Reisen verwaltete sie die beiden Mietshäuser und arbeitete weiter als Buchhalterin. Freitag war immer Eugen-Tag: Der Hausverwalter kam mit Blumen und Sekt. Dann plauschten sie über das Mietrecht im Allgemeinen und die Hausgemeinschaft in der Bamberger Straße im Besonderen. An ihren Verehrern gefiel ihr vor allem die hohe Kunst des Kompliments. Die schönsten Werbungsversuche belohnte sie dann gern mit einem Lächeln.

Aber Bernd stand ihr in all den Jahren am nächsten. Mit 78 kam sie deshalb zu folgendem Entschluss: „Weißt du Bernd, jetzt kennen wir uns seit 20 Jahren, zusammen haben wir die Welt bereist, ich hab’ zwei Mietshäuser zu vererben, da kann ich dich doch adoptieren!“

An einem herrlichen Tag im letzten Herbst setzte Bernd Hörnicke-Kalfier seine beiden Mütter in ein Auto und unternahm mit ihnen im Anschluss an ein Geschäftstreffen eine Spritztour nach Polen. Damit sich keine benachteiligt fühlte, saßen die beiden fast gleichaltrigen Damen nebeneinander auf der Rückbank. Sie unterhielten sich prächtig.

Drei Tage später trat Hedwig Kalfier-Hoffmann ihre letzte Reise an. Sie duschte, trank vor dem Zubettgehen noch ein Glas Sekt, dann flog ihre Seele beschwingt davon.

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