HEIK AFHELDT trifft … : Das Jahr 2011

Foto: Mike Wolff
Foto: Mike Wolff

Jahresbeginn: Und wieder werden die Glaskugeln geputzt und Zukunftsbrillen aufgesetzt. Fernsicht oder Nahsicht; Experten und Prognosen im Überfluss – und fern und nah kein Tüv in Sicht, der ihre Zuverlässigkeit prüft. Also wieder mal in die eigene Zukunftswerkstatt und mit Selbstvertrauen an die Arbeit: Vor einem Jahr waren Kugel und Brille offenbar gut geputzt. Der Dax würde die Latte von 7000 reißen, die deutsche Wirtschaft deutlich kräftiger wachsen und die Zahl der Arbeitslosen kräftiger zurückgehen als von den Weisen gemeinhin erwartet.

Was steht für das noch junge 2011 voraussichtlich in den Sternen und am Jahresende in den Büchern? Der Wirtschaft wird es auch im Jahr drei nach der großen Krise sehr gut gehen. Export, Investitionen und nun auch der private Konsum schieben aufwärts. Alles etwas verhaltener als 2010, aber noch überdurchschnittlich. Eine Marke um die zwei Prozent erscheint machbar. Die großen „Aufholer“ wie China, Indien oder Brasilien bleiben unter Dampf. Die Eurokrise köchelt wohl weiter, aber nachdem die Spekulanten und Ratingagenturen das x-te Land zum Fanal der Gemeinschaftswährung erklärt haben und der Rettungsschirm noch immer hält, entdeckt man die wahren „Behinderten“ im Weltwährungssystem, den Dollar und den Yen. Die Börsen wissen trotz rundherum wieder steigender Zinsen, wie renditeträchtig deutsche Top-Unternehmen sind. Der Dax ist deshalb gut für ein Plus von 15 Prozent.

Und wie ergeht es der Region Berlin-Brandenburg? Sie kann wirtschaftlich wieder in der ersten Liga spielen. Der Mix an zukunftsfähigen, innovativen KMUs mit teilweise erstklassigen Produkten und Dienstleistungen, unzähligen kleinen und mittleren Firmen der Kreativwirtschaft und der reichhaltigen Forschungs- und Kulturlandschaft ist eine vorzügliche Rampe für einen nachhaltigen Erfolg auf den Märkten der Welt – ebenso wie hier zu Hause. Berlin-Brandenburg hat auch vor der Eröffnung des Airports BBI eine reelle Chance, nicht mehr unter den Durchschnitt der Bundesrepublik zu fallen, sondern richtig gut durchschnittlich zu werden. Dazu verhilft die unveränderte Attraktivität der Stadt und der Region für Millionen Besucher.

Ist das nun purer Zweckoptimismus oder mehr? Der legendäre und überkluge amerikanische Zukunftsforscher Herman Kahn hat seine Prognosen als „überraschungsfreie Entwürfe“ bezeichnet und dann gefragt, welche Überraschungen denkbar seien, die seine Prognosen über den Haufen werfen könnten. Was fällt einem dazu für 2011 ein? Naturkatastrophen wie Erdbeben in Chile, Überschwemmungen wie in Australien oder Seuchen drohen eigentlich immer. Aber auch politische „Verwerfungen“. In Berlin sind im Herbst Wahlen. Nun, große Verwerfungen sind kaum zu erwarten, da muss man nicht schwarz sehen. Und wenn es kräftig grünen sollte? Keine Bange: Die Grünen-Chefin hat 150 000 neue Arbeitsplätze in ihren Hut gezaubert. Hoffentlich sind das nicht alles Nieten.

Heik Afheldt (73) war Tagesspiegel-Herausgeber und Vorsitzender der Prognos AG. An dieser Stelle porträtiert er in der Regel Unternehmer. Afheldt ist Honorarprofessor für Zukunftsforschung an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee.

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