Wirtschaft : Heinrich von Pierer geht

Siemens-Chef übergibt die Konzernleitung an Klaus Kleinfeld und will im Januar 2005 Vorsitzender des Aufsichtsrats werden

Nicole Adolph,Dieter Fockenbrock

München/Berlin - Siemens hat die Nachfolge an der Konzernspitze geregelt und den Generationenwechsel eingeläutet. Ende Januar 2005 solle Klaus Kleinfeld Heinrich von Pierer als Vorstandsvorsitzenden ablösen, teilte Siemens am Mittwoch überraschend mit. Damit verlässt einer der dienstältesten und bekanntesten Spitzenmanager die Bühne.

Die Nachricht war keine drei Stunden alt, da scherzte der 63-jährige Noch-Chef bereits über seinen bevorstehenden Abschied: „Das nächste halbe Jahr muss ich mich wohl damit abfinden, als lahme Ente zu gelten“, sagte von Pierer am Abend auf einer Veranstaltung in Berlin. Zwölf Jahre habe er auf diesen Tag „hingearbeitet“ und „zum ersten Mal in einem fränkischen Gasthaus einen Seniorenteller bestellt“. Das habe ihn große Überwindung gekostet. Kein Wunder. Denn von Pierer gilt als einer der großen Unternehmensführer.

Erst kürzlich wurde er von einer prominenten Jury in die „Hall of Fame“ der deutschen Wirtschaft aufgenommen, wo er jetzt neben Max Grundig, Josef Neckermann und Hermann Josef Abs steht. Ganz selbstverständlich will von Pierer deshalb auch Aufsichtsratschef werden – wie sein Vorgänger Karl-Hermann Baumann (69). In Zeiten guter Corporate Governance gilt das aber längst nicht mehr als selbstverständlich. Große Anerkennung hat sich von Pierer dagegen dafür erworben, dass er in den zwölf Jahren an der Konzernspitze Siemens mit viel Disziplin und Sparsamkeit auf Kurs gebracht hat. Von Pierer ist seit 1969 bei dem Elektrokonzern. Erfahrungen, darauf legt er Wert, habe er aber auch in zwölf Jahren als Journalist zur Finanzierung des Studiums und in 18 Jahren als CSU-Stadtrat gesammelt. Den Berufsweg zum Vorstandsvorsitzenden könne man nicht planen. „Man muss zum richtigen Zeitpunkt an der richtigen Stelle sein“, meint von Pierer bescheiden. Mehrfach war er an der richtigen Stelle. Dabei geholfen hat ihm sicher auch, dass er einer der wenigen politisch denkenden Manager ist. Er gilt ebenso als Vertrauter des SPD-Kanzlers Gerhard Schröder wie als Berater des bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber (CSU). Und: Von Pierer scheut es nicht, heiße Eisen in der Wirtschafts- und Tarifpolitik anzufassen. Das zeigte sich zuletzt beim Streit um die Wiedereinführung der 40-Stunden-Woche in den Handy-Werken. Es erwies sich auch vor Jahren, als die CDU die Lohnfortzahlung kippen wollte. Beliebt hat sich von Pierer damit nicht immer gemacht. Für die Gewerkschaften ist er derzeit der „Arbeitszeitrambo“. Selbst im Unternehmerlager ist der Siemens-Chef nicht unumstritten, weil er einen „Flächenbrand“ bei der Arbeitszeit ausgelöst habe.

Pierers Nachfolger Klaus Kleinfeld (46), der noch den Konzernbereich Information und Kommunikation leitet, soll zunächst Anfang August sein Stellvertreter werden. Der gelernte Betriebswirt startete nach einem kurzen Zwischenspiel als Produktmanager für Ciba-Geigy seine Siemens-Laufbahn als Referent im Vertrieb. Von dort aus machte sich der Marathonläufer in Richtung Spitze auf den Weg: 1995 übernahm Kleinfeld die Siemens-Unternehmensberatung. Seitdem war er maßgeblich an der Entwicklung aller Strategieprogramme des Konzerns beteiligt. Später wurde Kleinfeld Bereichsvorstand in der Medizintechnik – ein Lieblingskind des Konzernchefs. Die größten Lorbeeren verdiente sich Kleinfeld jedoch, weil er das kriselnde US-Geschäft von Siemens in Ordnung brachte. Pierer dürfte ihn auch aus einem anderem Grund schätzen: Wie der jetzige Siemens-Chef gilt Kleinfeld als ausgleichend.

Heinrich von Pierer durfte im April als weltweit erster Manager vor dem Weltsicherheitsrat der Vereinten Nationen über die Rolle von Unternehmen bei Friedensprozessen sprechen. Für seinen Nachfolger ist es bis dahin noch ein weiter Weg.

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