Wirtschaft : Heinz Arzt

(Geb. 1941)||Regensburger Domspatz, Opernfreund, Liebhaber roter Pumps.

Gregor Eisenhauer

Regensburger Domspatz, Opernfreund, Liebhaber roter Pumps. Warum bettelst du denn? Und wie lange schon? Macht dir das denn Spaß, mein Lieber?“

Es kam vor, dass Heinz Arzt einen Penner auf der Straße ansprach. Und wenn der sich in den Sog lallte: „Arbeit weg, Wohnung weg, Frau weg …“, munterte Heinz ihn auf: „Aber guck doch mal in den Spiegel, du bist doch eigentlich ein hübscher Kerl. Du findest doch locker ’ne neue Frau!“

Heinz konnte mit jedem, sei es Bettler sei es Bürgermeister, sei es Thomas Flierl. Auch wenn er mit der Kulturpolitik der Stadt nie einverstanden war. Jede Streichung empfand er als Stich in die eigene Brust. Als nach der Wende die Schließung der Staatlichen Ballettschule anstand, da schwor sich Heinz: „Ich sorge dafür, das diese Schule weiterleben kann!“ Und das hat er auch geschafft, weil er jedem mit seiner charmanten Art auf die Nerven fiel, bis das Geld dann doch noch floss.

Er liebte das Ballett, mehr noch die Tänzer. Und er liebte die Oper. Er kannte alle großen Bühnen der Welt, Wien, London, Sydney, Los Angeles. Er wohnte nahe der Deutschen Oper, er dinierte bevorzugt bei „Don Giovanni“, und er hatte über dreißig Jahre einen Verkaufsstand im Opernfoyer. In seinem Laden gab es alles, Kitsch wie Kunst, natürlich Komponistenbüsten, klein, mittel und groß – für die aus der Provinz. „Gnädige Frau, die Oper dürfen sie heute nicht verlassen, wenn sie nicht …“

Aber das war nur eine Nebentätigkeit, eigentlich war Heinz Arzt Impressario. Er brache Jessye Norman nach Berlin, und Lucia Alberti, und das mit ein paar Brocken Französisch und Italienisch, die aus Opernlibretti stammten.

Er war kein großer Mann, aber er hatte einen napoleonischen Willen zum Sieg. Und er hat sich immer als Glückskind empfunden.

Als die Bomben auf Mainz fielen, da floh die hochschwangere Mutter in den Luftschutzkeller und brachte ihn in einer Zinkbadewanne zur Welt. Der Vater kam noch einmal auf Heimaturlaub, danach hat er sein Kind nie wieder gesehen. Was von ihm blieb war eine blutbefleckte Uhr und ein blutbefleckter Wehrpass.

Als der Frieden kam, nahm sich die Mutter Liebhaber, und Heinz durfte auf jeden einen prüfenden Blick werfen, er lag ja im gleichen Bett. Aber natürlich war ihm keiner Recht. Was die Innigkeit von Mutter und Sohn nicht trübte.

Die beiden zogen ins unzerstörte Amberg, und Heinz kam zu den Regensburger Domspatzen. Er hatte eine Engelsstimme – und durchaus sündige Sehnsüchte, die ihm auch durch den harten Drill des Domkapellmeisters Ratzinger nicht ausgetrieben wurden.

Als die Schule beendet war, ging er nach Berlin, lernte Einzelhandelskaufmann, und wurde so etwas wie der Schalck-Golodkowski des Westens. Er kaufte in der DDR, was immer es zu kaufen gab: Feuerwerkartikel, weiße Mäuse fürs Labor, Abschleppseile, Feinstrumpfhosen. Sein größter Coup – er erwarb hunderttausende Zinkeimer und verkaufte sie an die Bundeswehr. Worüber aber nie gesprochen werden durfte.

Er hatte einen Diplomatenpass, wechselte mühelos zwischen den Welten, liebte die Männer im Osten wie im Westen – und ersparte es sich dann doch, seine Stasiakte einzusehen. Das Leben sollte ein Fest bleiben, es zu feiern, tanzte er gelegentlich in roten Pumps durch die Wohnung. Wenn sein Freund murrte: „Zieh endlich die Dinger aus!“, säuselte er: „Och, fühl doch mal. Das ist mein Sportgerät, das strafft meinen Po und meine Schenkel.“

Ansonsten verabscheute er Sport. Am liebsten verbrachte er seine Zeit im Bett. Un giorno di regno – König für einen Tag. Arbeiten, Essen, Lieben, alles im Bett. Wenn möglich im Hilton. Seine Lieblingsarie, selbst komponiert: „Luxus, Luxus will ich.“ Der Idee der Mülltrennung hingegen stand er skeptisch gegenüber. Der des Verzichts auch.

Alles, was Heinz Arzt wollte, hat er gelebt. Er klagte nicht, als es zu Ende ging: La forza del destino.

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