Wirtschaft : Heinz Friedrich Wendt

(Geb. 1914)||Ein stärkerer Affekt als die Liebe? Das Interesse!

David Ensikat

Ein stärkerer Affekt als die Liebe? Das Interesse! Er steht am Fenster seines Klassenzimmers. Er ist allein. Ein Tag im Sommer 1934, die Abiturprüfungen sind abgelegt, die Noten verteilt, Heinz Friedrich hat nur gute und sehr gute. Er schaut aus dem Fenster – und würde am liebsten springen. Er getraut es sich nicht.

Warum ist ihm denn danach? Ihm steht ein Leben in Berlin bevor, endlich kann er etwas aus seinen unglaublichen Talenten machen. All die Sprachen, die er jetzt schon spricht oder immerhin lesen kann, Französisch, Italienisch, Spanisch, Portugiesisch, Dänisch, Tschechisch, Polnisch, selbstverständlich Latein. Sein Interesse für die Technik: Vor Jahren hat er ein Radio selbst gebaut, um fremdsprachige Sender zu hören. Er ist ein gesunder, schlanker Mann mit guten Leistungen im Sport. Was ist schief gegangen?

Wenn wir seinen Erinnerungen glauben dürfen, er hat sie 70 Jahre später diktiert, so ist gar nichts schief gegangen. Das ist das Problem. Der junge Wendt fürchtet sich vor der unbehausten, erwachsenen Welt. Das Ende seiner Schulzeit lässt ihn nicht auf einen neuen Anfang hoffen, es ist eine Entlassung aus der Geborgenheit. „Ich wusste, dass ich im Leben nie wieder so geliebt werden würde wie vorher.“

Heinz Friedrich Wendt, Sohn eines erfolgreichen kaufmännischen Vertreters, der das Leben liebte, und einer Mutter, die ihren Sohn sehr liebte, ist in einer großen Familie aufgewachsen, in großen Wohnungen, mit Tanten und Cousinen. Mit denen hat er alte Schlager gesungen, war, wie er das nannte, der „Bajazz“, der Junge, der sich gern verkleidete, harmlose Späße machte und allen sehr gefiel.

Und er hatte viel Zeit, sich seinen Interessen hinzugeben, den Sprachen, der Mechanik, der Elektrotechnik.

Im Unterricht war mal die Rede von den „Triebkräften des Menschen“, welche denn das seien. Heinz Friedrich hob den Finger und rief: „Die Wollust!“ Die Klasse tobte: Die Wollust? Was weiß der Wendt denn von der Wollust?

Im Biologieunterricht faszinierten ihn die Pantoffeltierchen unterm Mikroskop. Die vermehrten sich durch Teilung.

Als er viel später Thomas Manns „Doktor Faustus“ las, fiel ihm diese Stelle auf, ein Gespräch zwischen dem Erzähler, Serenus Zeitblom, und Adrian Leverkühn:

„Hältst du die Liebe für den stärksten

Affekt?“, fragte er.

„Weißt du einen stärkeren?“

„Ja, das Interesse.“

Für Adrian Leverkühn, den „Doktor Faustus“, war die Musik eine Sprache. Für sie gab er sein Leben hin. Heinz Friedrich Wendt widmete sein Leben den Wortsprachen.

Er hängte Deklinations- und Konjugationstabellen übers Fußende seines Bettes, lernte am Abend, repetierte am Morgen, hörte am Tage Radio und nahm Unterricht bei Muttersprachlern.

Dass er nach dem Abitur eine Banklehre begann, lag vor allem daran, dass er sich den Nationalsozialisten an den Universitäten nicht aussetzen mochte. Für die Nazis hatte er naturgemäß nichts übrig, waren die doch nur am Deutschen interessiert. Nach Schalterschluss lernte er neue Sprachen.

Und dann gab es noch ein Interesse im Leben des Heinz Friedrich Wendt, welches niemandem verborgen blieb: der äußere Stil, die auffällige Eleganz. Als Angestellter der American- Express-Filiale Unter den Linden, konnte er in den Pausen unter Menschen wandeln in den feinsten Stoffen. Er trug, seit er es sich leisten konnte, Maßanzüge. Auf seiner schlanken Taille saßen sie tadellos.

Im Jahr 1936 besuchte er mit seiner Mutter die Weltausstellung in Paris. Stolz berichtete er später, dass Leute ihn dort nach dem Weg gefragt hätten. Die müssen ihn für einen eleganten Franzosen gehalten haben. Was für ein Kompliment!

Und dann Versailles. Vom Sonnenkönig hatte er schon als Jugendlicher geschwärmt. Der hatte die prächtigsten Schlösser gebaut, die großartigsten Kleider getragen. Alle Welt hatte zu ihm aufgeschaut. Ein Traum.

Ob man zu Heinz Friedrich Wendt je aufschauen würde? Er konnte doch etwas. Er war ein Sprachgenie.

Im Sommer 1938 erhielt er einen Brief, Absender: das Reichsluftfahrtministerium. Herr Wendt möge sich zur Vorstellung und Prüfung in Charlottenburg melden, in einem großen Gebäude mit der Aufschrift: „Forschungsamt“. Man legte ihm ausländische Zeitungen vor, er sollte sie übersetzen. Es gelang ihm in 13 Sprachen, er betonte, dass er durchaus nicht alle 13 fließend spreche, man beschied, dass das gar nicht nötig sei. Im Forschungsamt gehe es nicht ums Sprechen, sondern ums Verstehen. Mit Genugtuung bemerkte der Talentierte ein gewisses Aufsehen, das sein Talent erregte.

Er war nun Mitarbeiter eines hochgeheimen Spionage-Apparates, der Hermann Göring unterstand und Telefonate und Funksprüche abhörte, Telegramme und Briefe mitlas, deutsche und, noch viel lieber, fremdsprachige. Endlich war Heinz Friedrich Wendt an eine Stelle gelangt, die ihn und seine Fähigkeiten richtig einschätzte: nicht nur ein Ausnahmetalent, ein Wunderkind! Außerdem war er so dem Wehrmachtsdienst entkommen. Vor dem hatte er eine große, kluge Angst.

Die Mutter rechtfertigte ihren Sohn: „Der Heinzi arbeitet so viel, der hat gar keine Zeit für Frauengeschichten.“ Und der konnte noch mehr Sprachen lernen, Isländisch und Finnisch zum Beispiel. Er übersetzte die Botschaften des griechischen Königs an sein Volk und Telefonate der tschechischen Goebbels-Geliebten Lida Baarova mit ihrer Mutter. Er selbst schätzte sich glücklich, durch keine Liebelei zum Geheimnisverrat verführt zu werden.

Im Mai 1945 empfing Heinz Friedrich Wendt russische und polnische Soldaten im Keller seines Elternhauses höflich und in deren Sprache. Ab jetzt war er Perewodschik, Dolmetscher zwischen Siegern und Besiegten.

Die Russen boten ihm und seinen Eltern eine große Wohnung an der Schönhauser Allee an, doch er hatte rechtzeitig von der Teilung der Stadt erfahren. Sie zogen die amerikanische Herrschaft vor und zogen nach Tempelhof. Es begann eine harte Zeit. Heinz Friedrich Wendt arbeitete für die Zeitung Telegraf, doch als sie dort niemanden mehr brauchten, der ihnen die Nachrichten ausländischer Radiosender übersetzte, entließen sie ihn. Er übersetzte fürs Außenamt griechische Kriegsverbrecherakten, doch bekam auch hier keine Festanstellung. Er gab Sprachkurse an Volkshochschulen und an der Universität, doch auf eine Professur konnte er nicht hoffen.

1955 bekam er endlich ein gutes Angebot von Krupp in Essen. Die Firma machte wieder große Geschäfte, jetzt weltweit, und brauchte jemanden wie ihn. Doch kurz darauf, wie das so ist, kam die bessere Anfrage: Er würde nur halb so viel Geld wie bei Krupp bekommen. Doch auf dem Briefkopf stand der Name „Langenscheidt“.

Das war es. Das war die Bestimmung des Heinz Friedrich Wendt. Er war jetzt 42 Jahre alt und wurde Lektor im größten Wörterbuchverlag des Landes. 40 Jahre lang blieb er es. Sie hatten dort eine Redaktion fürs Englische, eine für die romanischen Sprachen – und eine für den Rest. Die leitete er.

Wörterbücher. Man meint, so etwas stelle sich von selbst zusammen. Dass es dafür Autoren gibt, Literaten, die Wörter aneinanderreihen, allein zum Zwecke der Vollständigkeit und Präzision – was für ein Glück! Manche halten Wörterbücher für die wichtigsten Bücher überhaupt. Heinz Friedrich Wendt hätte bestimmt nichts dagegen eingewandt. Er mag etwas betrübt gewesen sein, dass so wenig Leute das so sehen.

Unter den Kollegen seiner Redaktion genoss er eine Anerkennung, die kaum zu übertreffen ist. Was für ein verbindlicher, stets formvollendeter Herr, der nur zu gern sein riesiges Wissen teilte! Der beim täglichen Redaktionskaffee vom Keks nicht abbiss, sondern ihn zuvor zerteilte, damit kein Krümel auf sein farbenprächtiges Jackett fiel.

Und der auf dem Schreibtisch einen perfekten Yoga-Kopfstand vorführte. Er hat sich auch mal einen riesigen Kaffeewärmer auf den Kopf gesetzt, ist den Redaktionsflur auf und ab stolziert, hat arabische Laute ausgestoßen und zwischendrin Molière zitiert: „Ich bin der große Mamamouchi und verlange von jedem den mir schuldigen Respekt!“

Das war der „Bajazz“ von früher, der sich verkleidete, Späße machte und den Applaus genoss. Das war Heinz Friedrich Wendt, der wusste, was er konnte und was er war, und der Respekt verlangte.

Wenigstens das. Seit seine Eltern in den Siebzigern gestorben waren, sie hatten fast bis zum Schluss bei ihm gewohnt – oder er bei ihnen –, seit seine Eltern tot waren, hat er allein gelebt. Ohne jeden Rest an Liebe. Doch bis zum Schluss mit dem größten Interesse. Auf dem Familiengrabstein steht „Hier ruht“ in 16 Sprachen.

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