Wirtschaft : Heinz Hoene

Geb. 1910

Thomas Loy

Ein Einsatzleiter ohne Löschzug ist wie ein König ohne Untertanen. Heini Hoene, Landespyromane. So stellte er sich gelegentlich vor. Da prusteten natürlich alle und dachten: Das ist ja ein Netter, so uneitel, einer mit Humor und Bodenhaftung. Das stimmte auch, war aber nur ein Teil der Wahrheit. Denn Heini war nicht der lustige Frühstücksdirektor, sondern der Chef. Und ein Mann mit Vergangenheit, die alles andere als lustig war. Darüber schwieg er und wehrte mit einem gut gefüllten Repertoire aktuell kursierender Witze jeden Versuch ab, in sein Inneres vorzudringen. Understatement bis zur völligen Irreführung, das war so ein Markenzeichen von Heinz Hoene, Feuerwehroffizier im Bombenkrieg und erster Landesbranddirektor im West-Berliner Inselreich.

Die Nachrangigen und später Geborenen rief Heinz einfach „Kleener“. Er duzte gern, verlangte im Gegenzug aber das Sie. Man konnte sich seiner Sympathie nie wirklich sicher sein, sagt ein jüngerer Kollege, der später auch Landesbranddirektor wurde. Erst wenige Monate vor seinem Tod fiel Hoene ein, dass der jüngere Kollege, inzwischen längst pensioniert, eigentlich auch „du“ zu ihm sagen könnte.

Heinz Hoene war lange Jahre Chef der Abteilung „Vorbeugender Brandschutz“, ein Experte für Fluchtwege, Sicherheitstüren und Sprinkleranlagen. „Löschen mit Tinte“ nannten sie seine Abteilung. Wer Hoenes Kompetenzen auch nur andeutungsweise in Zweifel zog, musste mit massiver Gegenwehr rechnen. Hans Scharoun, der Architekt von Staatsbibliothek und Philharmonie, erläuterte Anfang der sechziger Jahre in großer Runde seine Baupläne. Sehr ausgiebig sprach er über den Brandschutz in den Häusern und wie er sich den Ernstfall eines Löscheinsatzes so vorstellt. Scharoun redete, als habe er die Feuerwehr neu erfunden, und als er fertig war, verfiel die Runde in eine kurze Schweigestarre. Dann kam Hoenes Kurzreplik: „Löschst Du oder icke?“

Ein Feuerwehrmann, egal, wie hoch er in den Rängen gestiegen ist, bleibt immer Feuerwehrmann, muss also raus zum Löschen, wenn es brennt. Heinz Hoene fuhr gerne zum Einsatz, weil es dort um Elementares geht, um die sinnhafte Bestätigung der eigenen Existenz.

Der junge Feuerwehrmann Karl- Heinz Schubert chauffierte Heinz Hoene einmal zu einem Einsatz in dessen Privatauto. Schubert wollte richtig aufs Gas drücken, aber Hoene saß wie ein Buddha neben ihm und beruhigte: „Langsam, Junge, ganz langsam. Als Einsatzleiter sollte man nie vor den Löschzügen am Brandort sein.“ Da mögen die Flammen noch so lodern: Ein Einsatzleiter ohne Löschzug ist wie ein König ohne Untertanen – völlig machtlos. Kein schönes Gefühl, wenn ringsherum alles in Flammen steht. So etwas hatte Hoene im Krieg viel zu oft erlebt.

Der Zweite Weltkrieg also, das Inferno der verglühenden Städte. Darüber kursieren viele Geschichten in der Berliner Feuerwehr; in einigen von ihnen spielt Hoene mit. 1941 hatte er als Diplomingenieur bei der Berliner Feuerwehr angeheuert. Feuerwehrmänner galten damals als Soldaten an der Heimatfront. Am 28. März 1942 hatte Hoene seinen ersten großen Einsatz: Er war nach Lübeck abgestellt, die Altstadt brannte. Hoene sah das Dach der Marienkirche brennen und schleppte mit seinen Leuten eine Tragkraftspritze auf den Kirchturm. Eine beachtliche Leistung, nur leider schaffte es das Löschwasser nicht bis in diese Höhe. Die Schläuche blieben trocken und Hoene war um eine Erfahrung reicher.

In Berlin hatte er den westlichen Bezirk Mitte zu kontrollieren. Wenn die Bomber ihre Last abgeworfen hatten, musste Hoene raus auf die Straße, um die Brandlage zu erkunden. Löschen konnte man nicht viel. „Für zwei brennende Straßenzüge gab es oft nur eine Spritze“, erzählte Hoene. Die Wohngebiete standen ganz hinten auf der Prioritätenliste. Fabrikhallen waren wichtiger.

Als der Krieg verloren war und die Russen vor den Toren standen, stellte Berlins Feuerwehrchef, Generalmajor Goldbach, seinen Abschnittsleitern frei, zu bleiben oder Mann und Gerät gen Westen zu evakuieren. Hoene blieb und erlebte, wie Goldbach von der SS abgeholt und erschossen wurde. Es erschien ratsam, beim Hitlerschen Untergangsdrama nicht vorzeitig die Bühne zu verlassen. Als Kurier brachte Hoene im Kugelhagel der Roten Armee Meldungen vom Magistratsbunker zur Hauptfeuerwache. Schließlich wurde er festgenommen und in einer Gefangenenkolonne durch die Stadt geführt. Hoene marschierte aber nur bis Kreuzberg mit; in einer Seitenstraße sprang er in einen Kellerschacht. Aus Berlin war er nicht fortzukriegen.

Nach dem Krieg fiel Hoene zunächst in Ungnade, seine Bewerbung auf einen leitenden Feuerwehr-Posten wurde abgewiesen. Man wollte keine Akademiker mehr. Hoene ging pragmatisch vor und machte als 38-Jähriger ein zweites Mal die Grundausbildung zum Feuerwehrmann. „Ich habe auch den Hof gefegt“, gab er später zum Besten. Auch diese bittere Phase seines Lebens deutete er zur amüsanten Episode um.

Auf Hoenes Fachwissen und Erfahrung mochte die Feuerwehrleitung dann aber doch nicht verzichten. Er stieg schnell auf und wurde zum geachteten wie gefürchteten Doyen der West-Berliner Brandbekämpfung. Einsätze bewertete Hoene gerne nach dem Leiterparadigma, wobei die Unfähigkeit eines Einsatzleiters mit der Zahl der von ihm eingesetzten Drehleitern zunahm. „Gelöscht wird von innen! Fassaden waschen könnt ihr später.“ Legendär auch seine dienstlichen „Außentermine“. Mit Innensenator Neubauer spielte er ausgiebig Tennis. Zwischen den Sätzen wurde die Anschaffung neuer Löschboote ausgehandelt.

1970 wird Hoene pensioniert. Er findet bald eine Beschäftigung, die dem Feuerlöschwesen artverwandt ist: Trauerredner. Hoene rettet Sünderseelen vor dem Fegefeuer. Die Pensionszeit währt bald länger als seine Dienstjahre. Es verbreitet sich das Gerücht, Hoene sei unsterblich. Vorsorglich lädt er schon mal zum 100. Geburtstag ein, nur sein Herz bekommt davon nichts mit und hört einfach auf zu schlagen.

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