Heinz Horst Deichmann : „Man muss seine Mitarbeiter mit Würde behandeln“

Europas größter Schuhhändler Heinz-Horst Deichmann über den Umgang mit Kunden, Angestellten und die Zwänge der Globalisierung.

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Herr Deichmann, Sie zahlen Ihren Angestellten über Tarif und finanzieren Gesundheitsferien in der Schweiz. Warum tun Sie das?

Unsere Mitarbeiter wissen, dass wir sie ernst nehmen und schätzen. Das schafft ein ganz besonderes Zusammengehörigkeitsgefühl. Dazu gehört dann auch unsere soziale Verpflichtung – unsere Unterstützungskasse, die Gesundheitswochen und unsere Altersvorsorge, die wir schon lange vor der RiesterRente angeboten haben. Im Gegenzug für die Zusatzleistungen verlangen wir aber auch einiges: Bei uns wird hart gearbeitet, härter als anderswo.

Ist es leicht, seine Mitarbeiter gut zu behandeln, wenn das Geschäft gut läuft?

Ja. Zum Glück sind die Geschäfte bei uns noch nie wirklich schlecht gelaufen. Es gibt natürlich bessere und schlechtere Jahre. 2002 war kein brillantes Jahr, aber unter dem Strich noch zufriedenstellend. Aber auch in schwierigeren Zeiten wollen wir an unserer Firmenphilosophie festhalten.

Wie schwierig sind die Zeiten für Deichmann?

Ich glaube, wir kommen besser durch die Krise als andere. Das liegt an unserem Produkt. Schuhe sind etwas Besonderes. Der Schuhverkauf ist eine intime Angelegenheit. Schuhe muss man anprobieren, sie müssen passen. Schauen Sie mal auf meine Schuhe (zieht seinen Schuh aus).

Sind das Deichmann-Schuhe?

Ja. Das sind echte Rahmenschuhe mit einer doppelten Ledersohle. Die sind in Indien gefertigt und kommen bald in unsere Läden. Die Muster habe ich bei meinem letzten Besuch in Indien ausgesucht. Die werden bei uns 59 Euro kosten. Das sind so ziemlich die teuersten Herrenschuhe, die wir im Sortiment haben werden.

Was würde ein vergleichbarer Schuh bei der Konkurrenz kosten?

In derselben Machart, mit ähnlichem Leder einige Hundert Euro. Solche Preise würden unsere Kunden aber niemals akzeptieren.

Warum sind Sie so viel billiger?

Wir kaufen die Schuhe in großen Mengen vor Ort. Der Preis, den die Kunden zahlen, ist deshalb niedrig, weil wir günstig kaufen und unsere Margen knapp kalkulieren.

Was würden die Schuhe kosten, wenn sie in Deutschland gefertigt worden wären?

Das Dreifache. Die Kosten sind hier zu Lande einfach zu hoch. Früher hat man Schuhe wenigstens in Deutschland zusammengenäht, auch das ist vorbei. Heute gibt es nur noch eine Hand voll Betriebe, die in Deutschland produzieren. Aber seit dem vergangenen Jahr stecken die Anbieter von teureren, deutschen Markenschuhen in Schwierigkeiten.

Weil keiner mehr teure Schuhe kauft?

Ja. Selbst wir haben festgestellt, dass wir zu wenige Schuhe in den unteren Preislagen in unserem Sortiment hatten. Das haben wir jetzt geändert.

Sie lassen in der Dritten Welt fertigen. Das kostet Arbeitsplätze in Deutschland.

Globalisierung heißt nicht, dass man überall auf der Welt seine Güter verkauft. Man muss aus den anderen Ländern auch Waren kaufen und hierher bringen. Sonst haben die ärmeren Länder niemals eine Chance, am Wohlstand teilzuhaben. Aber wir gehören zu den Firmen, die sehr genau darauf achten, dass soziale und ökologische Standards eingehalten werden. Für die Zusammenarbeit mit unseren Lieferanten gilt unser „Code of Conduct“. Darin verpflichten sich unsere Zulieferunternehmen unter anderem, auf Kinder- und Zwangsarbeit zu verzichten, die Beschäftigten nicht zu diskriminieren, die Arbeitnehmer vernünftig zu entlohnen und für gesunde Arbeitsbedingungen zu sorgen.

Vor zwei Jahren hat Ihnen „Report“ Verstöße gegen genau diese Standards bei der Produktion in Indien vorgeworfen.

Ja, und obwohl wir die Vorwürfe entkräftet haben, werden wir noch heute darauf angesprochen. Ich sage Ihnen daher noch einmal in aller Deutlichkeit: Die Behauptungen waren falsch.

Hat Ihnen das geschadet?

Nein. 2001 war das beste Jahr in unserer Firmengeschichte. Aber die Vorwürfe haben mich zutiefst gekränkt, weil ich mich aus persönlicher und tiefer Überzeugung für bessere Lebensbedingungen in der Dritten Welt – aber auch hier zu Lande – einsetze und versuche, Menschen zu helfen, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen.

Wie kontrollieren Sie Ihre Lieferanten?

Wir arbeiten mit zertifizierten Unternehmen zusammen, die regelmäßige Kontrollen – auch unangekündigte – bei unseren Lieferanten durchführen. Unsere ethischen und sozialen Standards gelten bei Hilfsorganisationen wie terre des hommes oder der GTZ als vorbildlich.

Sie sind bekennender Christ. Wie wirkt sich das in Ihrem Unternehmen aus?

Wir sind keine besonders fromme Einrichtung. Allerdings besuche ich regelmäßig unsere Filialen, und bei diesen Besuchen erzähle ich den Mitarbeitern auch von unserer missionarisch-sozialen Arbeit. Was kann den Menschen in diesen schwierigen Zeiten denn helfen? Doch nicht unsere Politiker. Die Menschen haben Angst vor Krieg und Terrorismus, ihre Arbeitsplätze sind nicht sicher, und ihre Zukunftssicherung steht auf immer wackligeren Beinen. Ich kann das nicht gutreden und nicht ändern. Als Geschäftsmann kann ich nur sagen, was für uns notwendig ist – härtere Arbeit und ein respektvoller Umgang mit den Mitarbeitern. Ein Unternehmer kann seine Arbeit nicht machen ohne seine Angestellten. Man muss seine Mitarbeiter mit Würde behandeln.

Ist es für den christlich geprägten Inhaber einer Familienfirma schwerer, Leute zu entlassen, als für Manager einer Aktiengesellschaft?

Ja. Zum Glück ist unsere Firma gewachsen, und wir haben die Zahl unserer Beschäftigten bislang in jedem Jahr ausgeweitet.

Wenn sich der Trend umkehrt: Treten Sie dann kürzer oder müssen Mitarbeiter gehen?

Ich habe nie über die Verhältnisse gelebt, das liegt mir nicht. Aber bei der Größe unseres Unternehmens spielt die Frage nach dem persönlichen Verzicht wirtschaftlich auch keine Rolle. Die Frage, die sich stellt, ist nur: wie viel Geld fließt von dem, was verdient wird, in soziale Projekte?

Und: Wie viel verdienen Sie im Jahr?

Genug, dass wir uns erlauben können, viele Millionen in unsere Hilfswerke zu stecken.

Laut Manager Magazin liegen Sie auf der Liste der 100 reichsten Deutschen mit einem Vermögen von 1,3 Milliarden Euro auf Platz 69.

Solche Gedankenspielereien interessieren mich nicht. Bei uns steckt das Vermögen in der Firma, nicht in persönlichem Luxus. Wir haben immer genug verdient, um investieren zu können und zu wachsen. Eine Firma, die nicht wächst, ist in Gefahr. Und vergessen Sie nicht: Auch die Mitarbeiter wollen weiterkommen. Wir unterstützen das. Selbst bei unseren Führungspositionen versuchen wir, soweit möglich, auf Leute aus unserem Haus zurückzugreifen. Die Manager brauchen keine Managementseminare, sondern sie müssen in die Läden gehen und den Kunden auf die Füße schauen.

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