Wirtschaft : Helga Prinzessin Löwenstein

Geb. 1910

Kirsten Wenzel

In Berlin ohrfeigte sie einen Nazi, in Innsbruck schoss sie auf einen. Manchmal hörte das Mädchen in der Ferne einen Wolf heulen. Im Winter musste es auf Skiern durch den Wald bei Bergen zur Schule fahren, noch bevor die Sonne aufging. Das war die tägliche Mutprobe. Auch die Mutter des Mädchens schien so etwas wie Furcht nicht zu kennen: eine Weltenbummlerin aus den Niederlanden, für eine Hamsun-Übersetzung in Norwegen gelandet, die neun Sprachen sprach, das lange Haar im Sommer am Strand offen trug und kurze Kleider aus Leder wie eine Amazone.

Im Juni 1933 stand in der „New York Times“ eine erstaunliche Meldung: „Princess fires shot at Austrian nazis“. Aus dem Kind war eine selbstbewusste Frau geworden, zu deren Namen als Gattin eines Nachfahren der Wittelsbacher auch noch das schöne Wort „Prinzessin“ gehörte. Das war etwas: Eine deutsche Prinzessin, schön, blond und klug, zeigte den Nazis, was eine Harke ist!

Zog vor der Universität von Innsbruck einfach den Revolver, als sie von einer Menge österreichischer Nazis bedrängt wurde. Einer von ihnen wurde handgreiflich und riss ihr den schwarz-rot-goldenen Wimpel vom Wagen ab, ihr Bekenntnis zur demokratischen Weimarer Republik. „Lassen Sie die Fahne los, oder ich schieße“, rief sie, doch der Mann radelte mit der Trophäe davon. Sie traf nicht – und dennoch erschütterte das Ereignis ganz Innsbruck. Mehr als 50 nationalsozialistische Studenten wurden bei der spontanen Protestkundgebung gegen die Prinzessin festgenommen.

Bei aller Kühnheit, hinter der heftigen Reaktion steckte Angst. Seit April 1933 befanden sich die Löwensteins im Tiroler Exil. Täglich machten sie Schießübungen im Garten des Schlösschens in Matzen, trugen stets Pistolen bei sich, um sich im Falle einer Entführung durch die Gestapo wehren zu können.

Sie waren Todfeinde des Regimes, führende Mitglieder des „Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold“, gegründet von SPD, Zentrum und Deutscher Demokratischer Partei, um die Demokratie zu schützen und sie gegen die Nationalsozialisten zu verteidigen. Goebbels schrieb im „Angriff“verächtlich über den „Roten Prinzen“ Löwenstein. Der hatte als Leitartikler der Vossischen Zeitung schon 1930 die „Europäische Katastrophe“ vorausgesagt und von einem Recht auf gewaltsamen Widerstand gegen die Nazis gesprochen.

Seine junge Frau stand ihm an Entschlossenheit in nichts nach. Demonstrativ trug sie noch nach dem 30.Januar 1933 die drei Pfeile an ihrem Mantel, das Abzeichen der demokratischen „Eisernen Front“. Als ein Nazi sie deshalb in Berlin als „Saujüdin“ beschimpfte, ohrfeigte sie ihn auf offener Straße. Der junge Mann schlug nur verwirrt die Hacken zusammen und entschuldigte sich. Einige Tage später folgte eine gewaltsame Hausdurchsuchung der SA bei den Löwensteins. Es war endgültig an der Zeit, Deutschland zu verlassen.

In Österreich waren sie noch optimistisch, die Sache mit Hitler würde sich bald erledigt haben. Sie wollten schnell zurückkehren, in das „andere Deutschland“, das Land der europäischen Kulturnation, die sie so glühend verehrten.

Das Exil führte die Löwensteins aber noch nach England, Frankreich, die Schweiz bis nach Amerika – und es verband sie noch enger mit der deutschen Kultur. Mehr als 2000 Künstler und Wissenschaftler waren vor den Nazis geflohen: Thomas Mann, Martin Buber, Max Reinhardt, Alfred Döblin. Das demokratische Prinzenpaar nutzte die Aufmerksamkeit, die es in Amerika erregte, um unermüdlich für die „Deutsche Akademie im Exil“ zu werben. Der Prinz hatte sie gegründet, Präsidenten waren Sigmund Freud und Thomas Mann. Es ging um Geld und Unterstützung für geflüchtete deutsche Künstler in Not.

Die Löwensteins waren nicht Emigranten, wie Brecht sie beschreibt, allein auf die schnelle Rückkehr bedacht. Sie schlugen einen Nagel in die Wand und kauften einen Teppich. Doch die zwei Kinder, die in den USA zur Welt kamen, lernten als erste Sprache natürlich Deutsch. Und 1946 packte die Familie sofort die Koffer und kehrte „hochbeglückt“ nach Deutschland zurück. Sie zogen nach Hessen, in das leer stehende Palais von Verwandten, wo noch die Kaugummis der amerikanischen Soldaten unter den Tischen klebten. Die Prinzessin eröffnete umgehend eine Kleiderkammer, gründete ein Hilfswerk und warb mit Artikeln in amerikanischen Zeitungen für Spenden: Deutsche Flüchtlinge in den Auffanglagern benötigten Kleidung und Nahrung.

Die Nachkriegszeit war für sie, das sagte sie oft, die glücklichste Zeit ihres Lebens. Sie liebte es, wieder lesen zu können, so viel sie wollte, Großmutter zu sein, sie genoss die Gartenarbeit am Morgen und Spaziergänge mit Sempronius, ihrem Airedaleterrier. Mit über 80 beschloss sie, einem Konzert der Rolling Stones beizuwohnen, da einer ihrer Neffen als Manager für die Band arbeitete. Geduldig stand sie zwei Stunden im Lärm, beim ersten Rockkonzert ihres Lebens. Wie es ihr gefallen habe, fragte ein Journalist. „Es ist“, sagte sie, „das kann ich ohne Übertreibung sagen, das Beste dieser Art, das ich je gehört habe.“

Einige Jahre nach dem Tod ihres Mannes kehrte sie nach Berlin zurück, in die Stadt, aus der sie vor 70 Jahren fliehen musste. Einer ihrer letzten Wünsche war ein Besuch in der MoMa-Ausstellung. Sie wurde durch die menschenleere Nationalgalerie geführt, man hatte eigens für sie geöffnet. Sie war unbewaffnet und trug einen großen, weißen Hut. Ganz wie es sich für eine Prinzessin gehört.

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