Wirtschaft : Hella Laschke

(Geb. 1918)||Die Begrüßung im Alter: Na, Hella, wie geht’s deinen Pflegern?

Anne Jelena Schulte

Die Begrüßung im Alter: Na, Hella, wie geht’s deinen Pflegern? Hella Laschke war ein rundum ausgeglichener und zufriedener Mensch. Und das, obwohl sie weder Buddhistin war, noch andere Anstrengungen unternommen hat, um dieses Glück zu erlangen. Wie konnte es dann dazu kommen? Hatte sie es leichter als andere? Perfekte Eltern? Überhaupt nicht. Streng, zuweilen hart war die Mutter, tablettenabhängig der Vater.

Vielleicht ist die Nordsee schuld. Sie ist aufgewachsen auf Sylt und erzählte später gerne von den Dünen und dem gewaltigen Meer. Der Illusion vieler Zeitgenossen, etwas Großartiges, gar Besonderes zu sein, hat Hella sich nie hingegeben.

Ihre zurückhaltende Art, die Grübchen, die hellbraunen, freundlichen Augen, all das hat dem Uhrmachermeister Wolfgang Laschke sofort gefallen. Schnell zeigte er der dreizehn Jahre Jüngeren, wie eine anständige Bar von innen aussieht, legte anschließend den Arm um sie und nahm sie bald darauf zur Frau.

Die Kriegsjahre aber waren so düster, dass sie selbst Hella Laschkes Gemüt vorübergehend verdunkelten. „Man getraut sich nicht an die Erfüllung des größten Wunsches zu denken, geschweige denn zu glauben!“, schrieb sie in einem Feldpostbrief.

Ihr größter Wunsch, das war ein friedliches Leben mit Wolfgang und dem neu- geborenen Kind. Die Wohnung in Berlin war ausgebombt, Wolfgang an der Ostfront, und die Geschichten von Vergewaltigungen eilten dem Einmarsch der russischen Soldaten voraus. Hella, die medizinisch- technische Assistentin, hatte Tabletten zurückgelegt, um sich zu vergiften. Es war ihre Mutter, die das Vorhaben aufdeckte und in gewohnter Strenge ihr verbat.

Dass dann eintrat, woran Hella nicht mehr zu glauben gewagt hatte, dass der einzige Anspruch, den sie an das Leben stellte, sich erfüllte, machte sie für den Rest ihres Lebens froh. Viele Jahre lebte sie mit Mann, drei Kindern und der Mutter in einer Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung, Toilette und fließend Wasser im Hof. Na also, war doch alles da.

Wolfgang wachte eifersüchtig an der Seite seiner allseits beliebten Frau, machte ihr absurde Vorwürfe. Lief da nicht was zwischen ihr und dem Klassenkamerad des ältesten Sohnes? Hella bestaunte die Phantasie ihres Mannes, doch Vorwürfe machte sie ihm nicht.

Als sie 39 Jahre alt war, wurde Multiple Sklerose diagnostiziert. Bald ging sie an Krücken, einige Jahre später saß sie im Rollstuhl. Doch nicht sie war es, die Trost brauchte, sondern die Familie und die Mitpatienten. Hella schrieb aus dem Krankenzimmer: „Frau Lederer lebt sichtlich auf. Ihr erster Tag ohne Spritze. Sie rollt sich auch bereits abends die Haare ein. Das ist doch bestimmt ein erfreuliches Zeichen!“

Ihr ging es gut, also half sie denen, denen es schlechter ging. Ein wenig missmutig betrachtete die Tochter manchmal die Gesellschaft, die sich daheim um den Tisch scharte. Die erblindete Nachbarin, die einsame Tante, die alte Großmutter, die Hella von ihrem Rollstuhl aus bekochte.

Auf Nachfrage hätte sie sicher zugegeben, dass es nicht immer leicht war. Etwa, wenn man mit dem Jüngsten zum Zahnarzt muss, den lange überredet hat, zu spät dort angelangt ist, und dann dreht der Kerl sich einfach um, läuft wieder nach Hause, und die Mutter an ihren Krücken kann ihm nur nachwinken. Schimpfen? Ach nein. Spätestens, wenn die Zahnschmerzen kamen, würde der Junge schon kapieren, was er davon hatte.

Als Wolfgang starb, war Hella 59 Jahre alt. Das schafft sie nicht, dachten die Kinder, ohne diesen Mann, der sie liebevoll gepflegt und das gemeinsame Leben männlich straff organisiert hatte, wird sie aufgeschmissen sein.

Aber Hella lebte vergnügt weiter wie zuvor. Er war ja da. In ihrer Erinnerung. „Und hier“, sagte sie zufrieden am Grab des Mannes und der Mutter, „ist auch noch ein kleines Plätzchen für mich.“

Als sie die Treppen alleine nicht mehr bewältigen konnte, nahm ihr Jüngster sie zu sich nach Hause. Oft zerbrach er sich mit seiner Frau den Kopf darüber, was er der Mutter Gutes tun könnte, denn sie verriet es ja nicht. Er kam zu dem Schluss, dass die Mutter es selbst nicht wusste.

Es waren eben die anderen, die etwas brauchten. Zum Beispiel dieser Teppichhändler, der brauchte einen Käufer. Also kaufte Hella ihm für ihr ganzes Erspartes, 2000 DM, ein paar dieser hässlichen Quadrate ab, die der arme Kerl durch die Gegend schleppte. Irgendwann beschlossen die Kinder, dass Hellas Post vorsortiert werden sollte. Weg mit den Überweisungsscheinen, die alle gemein- und eigennützigen Vereine Deutschlands ihr schickten, und die Hella alle ausfüllte.

„Na, Hella, wie geht’s deinen Pflegern?“, hieß die Begrüßungsformel im Alter. Und Hella erstattete lange und ernsthaft Bericht.

Zwei Katzen, ein Hund, drei Enkelkinder, die alle mehrmals täglich die Schnäuzchen in ihr Zimmer steckten und gestreichelt werden wollten. Draußen vor dem Fenster wechselten die Jahreszeiten, bewegten sich die Blätter im Wind. Was will man mehr. Aus getrockneten Gräsern, Moosen und Blütenblättern klebte sie kunstvolle Bildchen auf Postkarten, Tänzerinnen zum Beispiel, und teilte auf der Rückseite mit, dass es ihr gut gehe.

Einige Monate vor ihrem Tod hatte sie plötzlich eine neue Deutlichkeit in ihrer Stimme. Sie wollte nicht mehr trinken. Sie wollte sich an Wolfgangs Seite legen.

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