HEM-Tankstellen : Zapfen für Gaddafi

Die Grünen-Politikerin Bärbel Höhn hat angesichts des brutalen Vorgehens von Gaddafi gegen seine eigene Bevölkerung zu einem Boykott der Tankstellen Tamoil und HEM in Deutschland aufgerufen. An den HEM-Tankstellen war am Sonntag jedoch noch wenig von einem Boykott zu spüren.

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Berlin - Die HEM-Tankstelle in der Tempelhofer Attilastraße ist am Sonntagvormittag gut besucht. Ein älterer Herr muss einige Minuten warten, bis er seinen mindestens 30 Jahre alten, quietschenden Mercedes an der Zapfsäule positionieren kann. „Was? HEM gehört dem Gaddafi? Das wusste ich nicht“, sagt er. Seine Frau öffnet die Beifahrertür: „Das stand doch in der Zeitung“, ruft sie. „Die Grünen wollen, dass wir da nicht tanken.“ Sie steigt aus und wird sehr resolut: „Der Gaddafi ist ein Verbrecher, das stimmt. Aber bis vor kurzem sind viele europäische Politiker dem noch um den Hals gefallen. Und jetzt sollen wir hier nicht tanken? Dann sollte erst mal unsere Regierung nicht so viel am Benzin verdienen wollen.“

Ein Mann, der gerade seinen Motorroller betankt, stimmt der Rentnerin zu: „Ich tanke da, wo es am billigsten ist – etwas anderes kann ich mir gar nicht leisten.“ Vor zwei Jahren habe er sein Auto gegen den Motorroller getauscht, erzählt er, weil alles zu teuer geworden sei: Wohnung, Benzin, Strom. Bei einer anderen Tankstelle koste das Benzin sieben Cent mehr und deshalb tanke er hier: „Außerdem macht der Gaddafi nicht mehr lange. Ist doch jetzt Revolution in Libyen.“

Ein 43-jähriger Mann aus Schöneberg sagt hingegen: „Ich werde nicht mehr hierher kommen, wenn HEM und Tamoil dem libyschen Staat gehören. So groß ist der Preisunterschied nicht, dass man dafür einen Diktator unterstützen müsste.“ Auch ein 58-Jähriger aus Tempelhof meint: „Die Struktur von Tamoil ist mir jetzt klar. Ich tanke hier nicht mehr.“

Gut eineinhalb Dutzend HEM-Tankstellen gibt es in Berlin – die billigsten sind sie an diesem Sonntag aber nicht: 1,51 Euro kostet der Liter Super beispielsweise auch einige Straßen weiter bei Total in der Arnulfstraße – und bei Esso am Tempelhofer Damm sogar nur 1,48 Euro.

Vom Boykottaufruf haben manche der bei HEM oder Tamoil Angestellten bis zum Sonntagnachmittag noch gar nichts gehört. Geschweige denn gemerkt: „Bei uns ist es so voll wie immer“ heißt es etwa in den HEM-Tankstellen in Hellersdorf oder Schönefeld.

Manche Angestellten wissen gar nicht, dass sie in einem libyschen Staatsunternehmen arbeiten. „Ich habe das erst durch den Boykottaufruf erfahren“, sagt eine Verkäuferin in Brandenburg traurig. „Ich finde ihn schlimm, hier geht es doch auch um unsere Arbeitsplätze.“ Ihre Kollegin in der Attilastraße ist von der Unternehmensleitung der deutschen Tamoil in Elmshorn informiert worden. Dort war am Sonntag niemand für eine Stellungnahme erreichbar. Sandra Dassler

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