Henri Proglio : Ein Mann von Sarkos Gnaden

Henri Proglio wird neuer Chef des weltgrößten Atomstromkonzerns EDF.

Holger Alich[Paris]

Viel haben sie gemeinsam. Beide sind Kinder von Einwanderern. Der eine hat einen ungarischen Vater, beim andern kamen die Großeltern aus Italien. Beide stammen aus kleinen Verhältnissen und haben sich nach oben gearbeitet. Der eine heißt Nicolas Sarkozy und ist Frankreichs Staatspräsident. Der andere heißt Henri Proglio und wird jetzt Chef des größten französischen Stromkonzerns Electricité de France (EDF), der auch 45 Prozent am deutschen Versorger EnBW hält. Proglio wird das nur dank des Plazets von Sarkozy, der das letzte Wort hat.

Am Sonntag tagte der Verwaltungsrat des staatlichen Stromriesen, um Proglio offiziell zu küren. Bei Redaktionsschluss war die Sitzung noch nicht beendet. Seit Wochen gilt der Chef des Wasser- und Umweltdienstleisters Veolia Environnement als Favorit für die Nachfolge von Pierre Gadonneix. Als „zurückhaltend, fleißig, treu“, beschreiben Kenner den Mann. Auf ihn wird sich Sarkozy verlassen können – er vertraut nur den Konzernchefs wirklich, die er bestimmt hat. Der 60-jährige Proglio ist schon lange ein Freund von Sarkozy-Vorgänger Jacques Chirac. Zu den engeren Kontakten Sarkozys in die Wirtschaftswelt gehört Proglio erst seit kurzem.

Es gibt mehrere Faktoren, die seine Wahl für den Topjob bei EDF erklären – allen voran: Proglio kennt das Unternehmen sehr gut. Seit Jahren sitzt er dort im Verwaltungsrat und leitet den Strategie- Ausschuss. Bei den Gewerkschaften, die bei EDF viel zu sagen haben, ist er gut gelitten, denn bei Veolia hat Proglio nie Massenentlassungen veranlasst. „Wir wollen jemanden, der ein industrielles Projekt verfolgt“, sagte jüngst ein Gewerkschaftsvertreter von EDF.

Proglio bekam gleich zweimal den Job an der EDF-Spitze auf einem Silbertablett serviert: Bereits im Jahr 2004 hatte Chirac ihm den Chefposten angeboten. Doch Proglio lehnte ab. „Ich bin per Zufall zu Veolia gekommen und bin aus Überzeugung geblieben“, sagte er später. Auch dieses Mal wäre seine Ernennung fast noch geplatzt, denn Proglio kann partout nicht von Veolia lassen – dem Unternehmen, in dem er 1973 als Praktikant angefangen hat. Er wolle den EDF-Chefposten nur übernehmen, wenn er gleichzeitig den Posten als Verwaltungsrat-Präsident bei Veolia behalten dürfe, sagte er. Der Élysée-Palast hält dies für keine gute Idee. Aber darüber ist das letzte Wort noch nicht gesprochen. Proglio plant angeblich den weltgrößten Atomkonzern und den weltgrößten Wasserversorger Veolia enger zusammenzuführen.

Als neuer EDF-Chef dürfte Proglio häufiger im Rampenlicht stehen – was dem zurückhaltenden Manager höchst zuwider ist. Er bereut wahrscheinlich bis heute, dass er an Sarkozys mondäner Siegesparty nach der Präsidentschaftswahl 2007 teilnahm. Ein Fotograf lichtete ihn Seite an Seite mit Rachida Dati ab – Frankreichs mediensüchtiger Ex-Justizministerin. Das Foto machte die Runde. Und als Dati ein Kind von einem bis heute nicht bekannten Mann bekam, wurde auch Proglio die Vaterschaft angedichtet. Sein Privatleben schirmt er sonst strikt ab. HB

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