Wirtschaft : Herbert Kundler

Geb. 1926

Bernd Matthies

Für einen Posten einer Partei beitreten? Das fand er unjournalistisch. Es gibt diese Menschen, die zur Karriere verdammt sind, ob sie wollen oder nicht. Herbert Kundler war einer von ihnen. Die Liste seiner Ämter, Ehrenämter, Verdienste, Auszeichnungen und sonstigen Aktivitäten hat ungefähr die Länge dieses Berichts hier, und die Familie gesteht ohne viel Umschweife, dass er nicht allzu oft zu Hause war in seinen aktivsten Jahrzehnten. Aber was sollte einer machen, der nie richtig Nein sagen konnte, für den es ganz selbstverständlich war, dass andere von seinen Erfahrungen und Fähigkeiten profitieren durften?

Ein Leben, vollgestopft bis zum Rand. Geboren in Düsseldorf, in den letzten Kriegsjahren vor der rassischen Verfolgung untergetaucht in Berlin, dann Studium an der Humboldt-Universität, gleichzeitig von seinem Schulfreund Gerhard Löwenthal beim Rias untergebracht. Freier Reporter, Kulturspezialist, Redakteur, Abteilungsleiter, Gründer der „Funkuniversität“, Hauptabteilungsleiter, Programmdirektor, stellvertretender Intendant, schließlich, zur Zeit der Wende, geschäftsführender Intendant. Natürlich hätte er auch richtiger Intendant werden können, aber dafür hätte er einer Partei beitreten müssen. Das fand er unjournalistisch.

Ohne ausdrückliches Bemühen war er überall dabei. Am Drehbuch für den Film „Wir Kellerkinder“ arbeitete er gratis mit, weil er seinem Freund Wolfgang Neuss helfen wollte, der das Geld nicht zusammenhalten konnte. Dem Radioplauderer Lord Knud schrieb er Pointen für die Sendung, weil der ein Aushängeschild des Senders, aber nicht unbedingt ein einfallsreicher Autor war. Bei der Gründung des Privatsenders JFK half er, weil sich keiner besser im Medienrecht auskannte, das Radio-Sinfonie-Orchester unterstützte er über seine Amtspflichten hinaus, bis es ihn zum Ehrenmitglied ernannte. Doch auch in seiner eigentlichen Arbeit beim Rias nutzte er die Möglichkeiten dieses nicht ins öffentlich-rechtliche Korsett gepressten Senders in einer Weise, die wir heute kreativ nennen würden: „Mit dem Rias in die Ferien“ war eine dieser Ideen, später die „langen Nächte der Rockmusik“.

Ein geduldiger Chef auf der Suche nach Konsens, auch wenn die Suche Tage oder Wochen dauerte, so beschreibt ihn sein Freund und Kollege Jürgen Graf. Die Familie hat ihn auch ungeduldiger erlebt, vor allem mit sich selbst, immer auf der Suche nach Texten zum Redigieren. Als er ein Jahr vor seinem Tod, mit 78, einen Computer zum Schreiben bekam, da war er mit den Händen immer schneller, als es der Computer vertrug. „Hilfe!“ rief er dann im Arbeitszimmer und ließ sich ungeduldig die richtige Taste zeigen.

Auch das mit der Ehe ging sehr schnell. Als er mit dem Auto im schwäbischen Heidenheim liegen blieb und eine junge Frau ansprach, da dauerte es ungefähr noch eine Woche, bis sich beide über die Ehe einig waren: 38 glückliche Jahre waren Rose und Herbert Kundler verheiratet, freilich unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Homestorys lehnten sie kategorisch ab, das Private blieb privat, und so stand auch in keiner Zeitung, wenn Udo Jürgens den Abend bei Kundlers verbrachte.

Mit dem Ende des Rias ging Kundler in Pension – und entdeckte neue Aufgaben in Brandenburg. Er spazierte durch Potsdam, gründete den Verein „Pro Potsdam“, dann das Magazin „Landsicht“, das er zusammen mit seiner Frau, unterstützt von den beiden Söhnen, als Familienunternehmen betrieb, Autoren auswählte, Texte rigoros redigierte, Anzeigen an Land zog. Urlaub, nun ja, das konnte mit 77 nicht ausbleiben, und so passte es perfekt, dass Rose Kundler im Sommer 2004 eine Kreuzfahrt gewann. Fit wie immer kam er mit – doch ein paar Tage danach eröffnete ihm sein Arzt, dass er Krebs habe und operiert werden müsse. Was nun? Krankenhaus, dann Reha? „Unsinn“, sagte er, „ich bin kein Typ für die Reha“, plante die nächste Landsicht-Ausgabe und ging ins Krankenhaus. Die Operation gelang – aber kam doch viel zu spät. Das nächste Landsicht-Heft wird dennoch erscheinen: Rose Kundler hat es ihrem Mann versprochen.

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