Wirtschaft : Herbert Pfahl

(Geb. 1920)||Ariernachweise, Schulbücher, Großmutters Flechtzopf – alles noch vorhanden.

Judka Strittmatter

Ariernachweise, Schulbücher, Großmutters Flechtzopf – alles noch vorhanden. Herr Pfahls Geburtsjahr beschwört Ahnungen herauf: Das muss ein Leben gewesen sein, das der Krieg mit seinen Spuren überzog, beschädigte, in seinem Fall wenigstens nicht vorzeitig beendete. Aber ist das nicht die größte Verletzung überhaupt? Als junger Mann von Anfang 20 sieht er seine Kameraden sterben an der Front, einen nach dem anderen. Mal geht einer nieder mitten im Gespräch. Kopfschuss. Überleben kann auch eine Last sein.

Herbert Pfahl hat sich Linderung verschafft: Er hat ein Buch geschrieben. „Dem Hitler sind wir nachgerannt“ heißen seine Kriegserinnerungen, herausgegeben im Frieling-Verlag, unter dem Pseudonym Otto Julius. Der Vater in der NSDAP, der kleine Herbert Hitlerjunge, viele waren so, erst die Front ließ sie die Dinge klar sehen. Wenn sie noch dazu kamen. Herbert Pfahls Stichwort war „Mogilew“. Dann wussten alle in der Familie: Jetzt geht’s wieder los mit den Kriegsgeschichten. Mogilew in Russland. „Du alte Stadt am Dnjepr, was sollten wir in deinen Mauern noch alles erleben“, heißt es in seinem Buch. Nach seiner Ansicht war es „Dantes Inferno“.

Obwohl in Pankow beheimatet vorm Kriegseinsatz, geht er nach 1945 nicht in die sowjetische Zone – „niemals zum Russen“! Und er meidet die Politik. Nur einmal, schon älter an Jahren, reklamiert er: „Solche wie den Helmut Schmidt, die gibt’s leider gar nicht mehr.“

Seine Tochter Helga, geboren 1946, erinnert sich an einen liebevollen Vater: „Er packte mich in Watte, immer.“ Kein Kriegsvater also, der seine Verletzungen am Nachwuchs abarbeitete.

Der Familie wegen ging Herbert Pfahl im Deutschland der Stunde null auf Nummer sicher, wurde Finanzverwalter anstatt Biologiestudent. Festes Geld statt hochfliegender Pläne. Karriere im Finanzamt Friedenau, dann Wilmersdorf. Später noch Steuerberater, das freute die Familie, so einen konnte man ja immer gut gebrauchen. Aber nicht nur deshalb wurde Herbert Pfahl gern konsultiert. Ein Rat in Sachen Leben, wer immer fragte, kriegte ihn. Gern garniert mit einer Zeile aus dem Faust, „denn dort“, so Herbert Pfahl, „ist alles gesagt“.

Er war ein Mann gepflegter Attitüde. Ein Mann im Anzug, bis zum Lebensende. Fotos belegen das: Ob mit Tochter Helga vor Berliner Ruinenkulisse oder, Jahre später, mit Frau Herta auf Familiensause – Schlips und Kragen waren Usus.

Die Tochter kann sein ganzes Leben haarklein nachbauen, Herbert Pfahl hat vieles aufgehoben. Auch von den Eltern. Vom Umfang her sind das Bestände, die ein kleines Museum füllen könnten, Tochter Helga versucht da gerade was. Sie sagt: Müssen ja nicht immer nur die Prominenten sein, aus deren Leben postum berichtet wird, die Leute guckten doch am liebsten das Leben ihresgleichen an. In Pfahls Fall sind das: Ariernachweise, Stammbücher, Lebensmittelkarten, Schulhefte und Schülermützen, alte Orden und, wer hat das schon, Großmutters roten Flechtzopf, abgeschnitten 1920, als der Bob aufkam.

Warum nur, fragt sich Tochter Pfahl, konnte sie den Vater nie dafür gewinnen, Zeitzeuge zu werden. Eine Börse in Berlin vermittelt alte Menschen, die von früher erzählen. Ihr Vater, sagt sie, wäre optimal gewesen. Doch er wollte nicht. Die Esoterik interessierte ihn auf einmal, Religion und Philosophie schon immer. Vielleicht auch als Pendant zum trockenen Steuerfach so viele Jahre. Er war jetzt auf Rückzug aus, seine Frauen zu Hause genügten ihm, was hätte ihm die Welt noch Neues zeigen können?

2004 starb Gattin Herta, er blieb allein zurück nach 60 Jahren Ehe. Seitdem, sagt Tochter Helga, war nichts mehr los mit ihm. Er starb so friedlich wie keiner seiner Kameraden seinerzeit im Krieg. Und wie auch sonst kaum einer: im Schlaf.

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