Wirtschaft : Herlitz AG: Berliner Konzern zunächst vor der Insolvenz gerettet

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Für die Berliner Herlitz AG ging es am gestrigen Dienstag um nichts weiter als um das Überleben. Mit knapp 98 Prozent stimmten die Aktionäre auf einer außerordentlichen Hauptversammlung dem vom Vorstand vorgeschlagenen Rekapitalisierungskonzept (Kapitalherabsetzung und anschließende Kapitalerhöhung) zu. Als Ergebnis dieser Maßnahmem wird Herlitz von den Banken bis zum 156 Millionen Mark frisches Kapital erhalten, der Anteil von Deutsche Bank, Landesbank Berlin und Hypo-Vereinsbank an Herlitz wird bis zum Sommer auf rund 70 Prozent steigen. Zwei Aktionäre kündigten allerdings bereits an, Widerspruch zu Protokoll geben zu wollen, was eine Rettung von Herlitz gefährden könnte. Die Anteilseigner haben nun einen Monat Zeit, das Amtsgericht anzurufen. Der Vorstandsvorsitzende der Herlitz AG, Werner Eisenhardt, fürchtet, dass deshalb die Kapitalerhöhung nicht rechtzeitig ins Handelsregister eingetragen werden kann und das Geld damit für die Sanierung von Herlitz zu spät kommen könnte.

Sowohl der Aufsichtsratsvorsitzende als auch Eisenhardt hatten zuvor in dramatischen Appellen für die Zustimmung der Anteilseigner geworben. Sollten die Aktionäre den Maßnahmen nicht mit der notwendigen Mehrheit zustimmen, müsse der Vorstand vermutlich die Insolvenz des Unternehmens beantragen. Er nannte drei Gründe für das Desaster: Restrukturierungskosten, Leerstandskosten der Logistikimmobilien und schließlich Belastungen und Wertberichtigungen für Schieflagen der Töchter insbesondere in Frankreich und Portugal. Diese bezifferte er auf insgesamt rund 52 Millionen Mark. Auf der Bilanz der AG schlagen die Wertberichtigungen mit über 30 Millionen Mark durch. Eisenhardt, seit Ende 1999 an der Spitze des Unternehmens, machte auch frühere Vorstände für die Lage bei Herlitz verantwortlich. Die Wertberichtigungen und Sonderbelastungen hätten vermieden werden können, wenn in früheren Jahren nicht noch weitere Belastungen und Risiken aufgeladen worden wären.

Die Mehrzahl der Aktionäre wollte zwar den derzeitigen Vorstand nicht für die Lage verantwortlich machen, fühlte sich aber durch die Insolvenzdrohung unter Druck gesetzt. Schließlich wolle ja auch niemand für den Verlust von mehr als 3000 Arbeitsplätzen verantwortlich sein, äußerte ein Aktionär. Bemängelt wurde aber, dass der Vorstand immer noch kein schlüssiges Konzept für die Zukunft vorlegen könne.

Eisenhardt bekräftigte, dass man bei Herlitz die Kosten weiter senken wolle, eine Marketingoffensive vorbereite und in Jahresfrist auf einen Investor für das Logistikzentrum in Falkensee hoffe. Dennoch musste er einräumen, dass im laufenden Jahr keine schwarzen Zahlen geschrieben werden, und auch für 2002 mochte sich der Vorstand nicht festlegen.

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