Wirtschaft : Herlitz AG: Insolvenzverwalter macht Hoffnung

dr/hop

Der Herlitz-Konzern hat trotz des Insolvenzantrages gute Chancen auf eine Rettung. Der am Mittwoch vom Amtsgericht eingesetzte Insolvenzverwalter Peter Leonhardt sagte am Mittwoch vor der Presse in Berlin, "es bestehen gute Aussichten für einen Fortbestand der Firma Herlitz". Der Vorstandsvorsitzende des Berliner Traditionsunternehmens, Christian Supthut, verwies auf ein gutes Geschäft im ersten Quartal 2002.

Supthut sagte, das operative Kerngeschäft sei trotz der wirtschaftlichen Lage leistungsfähig, er sehe deshalb gute Möglichkeiten, einen Großteil der Arbeitsplätze zu retten. Die Produktion bei Herlitz laufe weiter, als sei nichts geschehen. Der Gang zum Amtsgericht habe auch keine Stornierungen von Aufträgen zu Folge gehabt. Im Gegenteil "wir bekommen mehr Aufträge", sagte der Vorstandsvorsitzende.

Insolvenzverwalter Peter Leonhardt sagte, er werde am Montag mit den Banken über einen Massekredit zur Fortführung des Geschäfts sprechen. Die Höhe des benötigten Kredits werde gegenwärtig errechnet.

Politik und Gewerkschaften übten unterdessen massive Kritik an den Banken. Der Berliner Senat und die Brandenburger Landesregierung warfen dem an Herlitz mehrheitlich beteiligten Bankenkonsortium am Mittwoch mangelnde "Risikobereitschaft" vor. Aus Potsdam wurde zudem der Vorwurf laut, die Banken hätten Herlitz in die Insolvenz getrieben. Dem Vernehmen nach sollen die Banken die Kreditlinie für Herlitz von ursprünglich 207 Millionen Euro zum 31. März dieses Jahres auf 190 Millionen Euro gekürzt haben. Dies sei in dem Wissen geschehen, dass Herlitz für die Produktion der Schulartikel im Sommer 218 Millionen an Krediten brauchen würde. In den Verhandlungen hätten die Kreditinstitute für die nun fehlenden 28 Millionen Euro eine Landesbürgschaft verlangt. Dies sei schon auf Grund der Bestimmungen der EU nicht möglich gewesen.

Berlins Wirtschaftssenator Gregor Gysi (PDS) erklärte, beide Länder seien zu Bürgschaften bereit gewesen, allerdings nicht in der von den Banken gewünschten Höhe. Sie hätten darauf bestanden, dass auch die Banken "in angemessenem Umfang Risikobereitschaft an den Tag legen". Darauf hätten sich die Banken nicht eingelassen, sondern die Unternehmensleitung habe entschieden, die Insolvenz zu beantragen. Gysi sieht in dem Insolvenzverfahren jedoch "die Chance, die gesunden Kerne des Unternehmens und damit den Hauptteil der Arbeitsplätze zu retten". Hier blieben die Banken, die Länder, die Unternehmensleitung und der Betriebsrat in der Pflicht, mahnte er. Sein Staatssekretär Volkmar Strauch sagte im F.A.Z. Business-Radio, Berlin sei mit seinen Hilfsangeboten "eigentlich über das normalerweise zulässige Maß hinausgegangen".

Die Wirtschaftsverwaltung wies Vorwürfe der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi zurück, nach denen sie den Fall Herlitz vernachlässigt habe. Wirtschaftsstaatssekretär Volkmar Strauch (SPD) sei ständig mit dem Thema befasst und auch im entscheidenden Gespräch mit den Banken am Dienstag dabei gewesen, sagte Wirtschafts-Sprecher Christoph Lang.

Brandenburgs Ministerpräsident Manfred Stolpe (SPD) äußerte sein Bedauern über die Insolvenz von Herlitz. Das Land Brandenburg habe sich im Unterschied zu anderen Beteiligten bis zuletzt sehr intensiv dafür eingesetzt, die Insolvenz abzuwehren. "Wir haben Angebote gemacht - eigentlich schon fast über die Grenze des Zulässigen aus unserer Sicht." Er habe erwartet, dass sich die Banken ein bisschen mehr bewegen - immerhin seien sie ja Miteigentümer.

Der Betriebsratsvorsitzende von Herlitz, Christian Petsch, bezeichnete das Verhalten der Banken hingegen als "unverantwortlich". Hart ging Petsch zudem mit dem Berliner Senat ins Gericht. "Ich fühle mich auch enttäuscht von der Berliner Politik", sagte er. Die habe das Thema einer Bürgschaft für Herlitz, im Gegensatz zur brandenburgischen Landesregierung, "nicht ernst genug genommen". Er persönlich sehe die Möglichkeit, dass sich für Herlitz "ein Interessent" finde und das Unternehmen damit weitergeführt werde. Ein Sprecher der Deutschen Bank, des Poolführers der Kreditinstitute sagte, man stelle mit Bedauern fest, dass der Gang in die Insolvenz wohl unvermeidbar gewesen sei. Die Banken hielten es aber durchaus für möglich, dass es im Rahmen des Verfahrens gelinge, Werte des Unternehmens zu retten und Investoren sowie Geschäftspartner zu finden.

Für die Börsianer war die Insolvenz keine Überraschung. Man habe mit einem solchen Schritt schon seit längerem gerechnet. Der Aktienkurs brach am Mittwoch vormittag um fast 50 Prozent auf 0,71 Euro ein.

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