Wirtschaft : Herlitz AG: Unternehmen stellt Weichen für die Sanierung

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Die Aktionäre der Berliner Herlitz AG werden an diesem Dienstag die Weichen für die geplante Sanierung des schwer angeschlagenen Büroartikelherstellers stellen. Auf einer außerordentlichen Hauptversammlung sind die Anteilseigner aufgerufen, einer Kapitalerhöhung von 60 Millionen Mark zuzustimmen. Sie soll der erste Schritt der unlängst angekündigten Rekapitalisierung in Höhe von insgesamt 156 Millionen Euro sein. Die finanzierenden Banken unter Führung der Deutschen Bank hatten in der vergangenen Woche bekräftigt, die Kapitalerhöhung und damit die Mehrheit von 75 Prozent an Herlitz übernehmen zu wollen. Der Anteil der Familie Herlitz würde sich von jetzt 20 auf 5 Prozent reduzieren. Wegen überraschend hoher Wertberichtigungen und Verluste war das Eigenkapital des Unternehmens auf zuletzt 35 Millionen Mark, das sind nur 3,5 Prozent der Bilanzsumme, zusammengeschmolzen. Bei einem Umsatz von 957 Millionen Mark hatte Herlitz im Jahr 2000 einen Verlust von 101 Millionen Mark verbucht.

Aktionärsvertreter äußerten sich am Montag skeptisch über die Erfolgsaussichten der Sanierung. Der Grund: Im ersten Quartal 2001 sank der Herlitz-Umsatz entgegen den Erwartungen auf 199 Millionen Mark (Vorjahreszeitraum: 216 Millionen Mark). Gleichzeitig vergrößerte sich der Verlust um weitere 11 auf 29 Millionen Mark. "Wir warten noch auf eine befriedigende Antwort auf die Frage, warum Herlitz trotz seiner starken Marktposition immer tiefer in die roten Zahlen rutscht", sagte Frank Rodloff von der Deutschen Schutzgemeinschaft für Wertpapierbesitz (DSW). Er begrüßte das Engagement der Gläubigerbanken, weil Herlitz jetzt "bilanziell ins Gleichgewicht gebracht und übernahmereif gemacht" werde.

Dem Vernehmen nach gibt es Interessenten aus den USA und Großbritannien, die sich mit einer Übernahme von Herlitz den europäischen Büroartikel-Markt erschließen könnten. Mit einer Marktkapitalisierung von knapp 16 Millionen Euro ist Herlitz an der Börse derzeit zum Schnäppchenpreis zu haben. Abgeschreckt wurden potenzielle Käufer bisher von der bilanziellen Schieflage und Bankschulden in Höhe von 700 Millionen Mark. Als schwere Belastung für Herlitz gelten leerstehende Immobilien, insbesondere große Produktions- und Lagerstätten im Großraum Berlin, die Mehrkosten von jährlich 40 Millionen Mark verursachen.

Die noch Ende des vergangenen Jahres von Vorstandschef Werner Eisenhardt beibehaltene Prognose, Herlitz werde 2001 schwarze Zahlen schreiben, dürfte sich nach Meinung der DSW nicht verwirklichen. Kritik übte DSW-Vertreter Rodloff insbesondere an den Aufsichtsgremien, den Wirtschaftsprüfern und den Banken, "die viel zu spät die dramatische Lage erkannt haben". Aufsichtsratschef Hans-Peter Friedrichsen muss Beobachtern zufolge um seinen Posten fürchten. Die Herlitz-Aktie notierte am Montagnachmittag um 3,6 Prozent höher bei 4,35 Euro.

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