Wirtschaft : Herlitz AG: Vorsicht: Papiertiger!

Wahrscheinlich war der Tiefpunkt in der eigentlich sehr respektablen Geschichte der Berliner Herlitz AG nicht erst mit dem gestrigen Insolvenzantrag erreicht. Nein, mit dem Renommee ist es wohl spätestens im Februar 1999 vorbei gewesen. Da setzte die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz Herlitz auf Platz fünf einer Liste der 50 größten Vernichter von Aktionärsvermögen. Damals hatte das Papier im Vergleich zu 1994 schon annähernd 75 Prozent seines Wertes verloren. Und damals, vor drei Jahren, wusste man auch eigentlich alles schon, was man heute weiß: Dass sich Herlitz völlig übernommen hatte und als Ganzes kaum mehr zu retten war.

Erst war das Engagement bei einer russischen Papierfabrik - keine dumme Idee für einen Papierverarbeiter, aber eben von Berlin aus völlig unkontrollierbar und entsprechend desaströs. Dann das Immobiliengeschäft mit der Entwicklung von Falkenhöh im Westen Berlins, am richtigen Standort. Es ist heute die am schnellsten wachsende Stadt Deutschlands. Der Finanzbedarf in der Entwicklung aber überstieg alle Möglichkeiten von Herlitz weit. Und dann schließlich auch noch der Wachstumswahn im Kernbereich - mit dem 350 Millionen Mark teuren Fertigungs- und Versandzentrum vor den Toren Berlins.

Vor einigen Jahren war in Berlin, in Wirtschaft und Politik, eben der Wunderglauben noch deutlich stärker entwickelt als der Realitätssinn. Das ist heute anders. In der Wirtschaft wie in der Politik gilt im Rückblick, dass mancher radikale Schnitt, früher gewagt, längst nicht so tief und so radikal hätte ausfallen müssen wie heute. Zur Häme gibt es freilich keinen Grund.

Natürlich spiegelt das Herlitz-Debakel auch den Niedergang eines traditionsreichen Familienunternehmens, das sich, weder von Geldinstituten noch von außenstehenden Ratgebern gewarnt oder gebremst, auf unbekannte Geschäftsfelder vorgewagt hatte. Die Familie Herlitz unterschätzte dabei leichtfertig die finanziellen Risiken und überschätzte unkritisch ihre Managmentfähigkeiten. Aber das Goldgräberfieber nach dem Fall der Mauern hatte auch noch viele andere Unternehmen gepackt, nicht nur von den Eigentümern geführte Betriebe. Die Namen derer, die im Glauben an eine schnelle Demokratisierung und Öffnung Russlands auf eine Blitzkonjunktur setzten und sich dabei fast ruinierten, sind Legion. Insoweit ist Herlitz typisch, aber nicht singulär.

Wer nach 1989 in der Wirtschaft nichts zu riskieren bereit war, galt als Trottel. Und Trottel, das wollte man gerade in Berlin nicht sein, bloß nicht. Deshalb risikierten hier viele besonders viel, waren die Banken ganz vorne mit dabei. Auch sie wollten nicht zu denen gehören, die den ja angeblich mit Händen zu greifenden Boom verpassten. Leider funktionieren die self fulfilling prohecies, die sich selbst erfüllenden Prophezeiungen nur auf den nach unten offenen Spiralen. Man kann sich vor lauter Pessimismus in Unglücke stürzen, die das Schicksal gar nicht vorgesehen hatte. Aber einen Boom herbeizufantasieren, das klappt nicht ohne Goldmine.

Von Herlitz kann, wenn es gut geht, im Insolvenzverfahren jener Teil erhalten werden, der Geld verdient, das Kerngeschäft mit Schreib- und Bürowaren. Das hoffen Mitarbeiter und Kommunen. Aus den Immobilien werden die Banken sich zu bedienen versuchen. Ihnen gehört ohnedies 70 Prozent von Herlitz. Sie waren es auch, die nun den Gang zum Insolvenzgericht verursachten. Die Geldinstitute kürzten zum 31. März die Kreditlinien von 207 auf 190 Millionen Euro. Sie taten es in dem Wissen, dass Herlitz produktionsbedingt im Sommer sogar einen höheren Kreditbedarf von 218 Millionen Euro anmelden würde. Für die Differenz, so die Banker, sollten Berlin und Brandenburg mit einer Bürgschaft einspringen. Das aber war in diesem Umfang rechtlich nicht möglich.

Es wäre auch falsch gewesen. Wenn sich Banken die Produktion in einem Unternehmen, dass ihnen zu drei Vierteln gehört, durch den Staat vorfinanzieren lassen wollen, dann fehlt eindeutig das Grundvertrauen. Und ohne das geht es im Geschäftsleben nicht. Dann ist etwas faul. Beim Unternehmen, aber auch bei den Banken. Der Fall Herlitz - er ist heute ihr Tiefpunkt.

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