Wirtschaft : Herlitz-Chef Eisenhardt muss gehen

alf/dr

Der Stellenabbau in der Berliner Industrie geht weiter. Am Mittwoch wurde bekannt, dass das Spandauer Kabelwerk von Pirelli geschlossen wird, betroffen sind rund 140 Mitarbeiter. Die Produktion der Kabel wird nach Schwerin und einen ungarischen Konzernstandort verlagert.

Um den Berliner Industriestandort ist es zurzeit schlecht bestellt. Nach dem Wegzug zahlreicher Unternehmen und dem damit einhergehenden Personalabbau in den 90er Jahren trifft die verbliebenen Werke jetzt das Konjunkturtief.

Der Aufsichtsrat der Herlitz AG überraschte am Mittwochnachmittag mit der Ad-hoc-Mitteilung, der Vorstandsvorsitzende von Herlitz, Werner Eisenhardt, werde das Unternehmen "im gegenseitigen Einvernehmen" zum Jahresende verlassen. Noch am Vormittag hatte der Aufsichtsratsvorsitzende Hans-Peter Friedrichsen mitteilen lassen: "Eine Abberufung von Herrn Eisenhardt ist für den Aufsichtsrat kein Thema." Zuvor waren Gerüchte bekannt geworden, insbesondere die Deutsche Bank als einer der großen Eigentümer dringe wegen Differenzen über den künftigen Sanierungskurs auf eine Abberufung Eisenhardts. Den Vernehmen nach soll die Zahl der Arbeitsplätze erneut drastisch abgebaut werden. Die Deutsche Bank, die diese Gerüchte auf Anfrage dementierte, hält 13 Prozent am Kapital von Herlitz. Ebenfalls 13 Prozent hält die Hypo-Vereinsbank. Jeweils 15 Prozent halten das Land Berlin, die Landesbank Berlin und die Bankgesellschaft Berlin. Mit neun Prozent ist die Westdeutsche Landesbank (WestLB) beteiligt, mit 7,7 Prozent die Bayerische Landesbank.

Herlitz, der deutsche Marktführer für Papier, Büro- und Schreibwaren, kämpft wegen missglückter Expansionen nach Russland und ins Immobiliengeschäft seit Mitte der 90er Jahre ums Überleben. Eisenhardt war Anfang 2000 angetreten und baute bereits rund 1200 der damals 4200 Stellen ab. Ursprünglich wollte er Herlitz bis Ende 2001 aus den roten Zahlen herausführen. Die Probleme des Unternehmens waren jedoch so groß, dass das Eigenkapital bis zum Mai dieses Jahres auf 35 Millionen Mark oder 3,5 Prozent der Bilanzsumme zusammengeschrumpft war. Daraufhin schoss eine Bankengruppe unter Führung der Deutschen Bank frisches Kapital zu und übernahm mehr als 75 Prozent an der Herlitz AG.

Im ersten Halbjahr rutschte der Schreibwarenhersteller bei einem Umsatzrückgang noch einmal tiefer in die Verlustzone. Ein Fehlbetrag von 32 Millionen Euro fiel an. Bei der Vorstellung der Zahlen Ende August hatte Eisenhardt eingeräumt, für die kommenden Monate sei kein positiver Trend zu erkennen. Das schwache Marktumfeld stelle eine zusätzliche Belastung für die Sanierung von Herlitz dar. Es müsse auch weiterhin von einer Kaufzurückhaltung im Inland ausgegangen werden.

Neuere Zahlen hätten dem Aufsichtsrat am Mittwoch nicht vorgelegen, so eine Unternehmenssprecherin am Mittwoch. Sie verwies auf den Quartalsbericht, der Mitte November vorgelegt werden soll. Ein Nachfolger für Eisenhardt werde kurzfristig benannt.

Bauflaute belastet Kabelgeschäft

Die Pirelli Kabel und Systeme GmbH & Co KG (PKS) will ihr Spandauer Werk aus Rentabilitätsgründen schließen. Wie der Finanzchef des Unternehmens, Wolfgang Lämbgen, auf Anfrage sagte, wird das Werk Mitte kommenden Jahres geschlossen. Die Schließung sei ein "Ausdruck der Geschäftsentwicklung", nach einem schwachen Jahr 2000 und nur einer geringfügig besseren Entwicklung im laufenden Jahr erwarte die PKS in 2002 einen erneuten Rückgang. Vor allem deshalb, weil das Bauvolumen in Deutschland weiter rückläufig sei, sagte Lämbgen. PKS, die deutsche Tochter des Mailänder Pirelli-Konzerns, produziert in Deutschland an den Standorten Berlin, Schwerin und Neustadt bei Coburg. Im vergangenen Jahr erwirtschaftete das Unternehmen mit gut 1000 Mitarbeitern einen Verlust vonh 75 Millionen Mark. Lämbgen zufolge war im laufenden Jahr zumindest ein positives operatives Ergebnis erwartet worden. Nach dem Konkurs des Großkunden I/Center sei jedoch ein Wertberichtigungsbedarf von rund 20 Millionen Mark fällig geworden. Das in Nürnberg ansässige I/Center ist ein Großhandelsunternehmen für Siemens-Produkte. Lämbge zufolge hat die PKS zuletzt mit dem I/Center rund 80 Millionen Mark Umsatz abgewickelt.

Die IG Metall weist die Version mit der Insolvenz von I/Center zurück. "Diese Begründung ist vorgeschoben", erklärte der Betriebsratsvorsitzende des Berliner Werks, Andreas Kleinhaus. Der Insolvenzantrag von I/Center sei gerade mal eine Woche alt. "Die Pirelli-Plattmacher haben offensichtlich die erstbeste Gelegenheit genutzt, um ihre Schließungspläne aus der Schublade zu holen", sagte Kleinhaus. Der Betriebsrat habe noch vor vier Wochen von der Mailänder Konzernzentrale die Zusage erhalten, dass der Fertigungsstandort erhalten bleibe.

Betriebsrat und IG Metall weisen darauf hin, dass Pirelli nach der Übernahme der Telecom Italia sich zu einem High-Tech- und Nachrichtenkonzern wolle. Dazu gehöre der Verkauf der Geschäftsbereiche Lkw-Reifen und Energiekabel. Die Arbeitnehmervertreter wollen nun "für die Arbeitsplätze kämpfen" und "Alternativkonzepte" für den Standort erarbeiten. Pirelli hatte erst 1998 das Kabelwerk mit gut 500 Mitarbeitern von Siemens übernommen. Heute zählt die PKS in Berlin rund 230 Mitarbeiter. Nach Unternehmensangaben sollen diese Bereiche auch in Berlin verbleiben. Allerdings nicht auf dem 20 000 Quadratmeter großen Grundstück in Spandau, das verkauft werden soll.

Der Spandauer Industriestandort war bereits Mitte der 70er Jahre von der Schließung bedroht. Damals wollte Siemens aus betriebswirtschaftlichen Gründen 650 der damaligen 850 Arbeitsplätze nach Schwerin und Osteuropa verlagern. Alle möglichen Politiker pilgerten nach Spandau und versicherten den Beschäftigten ihrer Solidarität.

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