Wirtschaft : Herlitz in der Falle

Daniel Rhee-Piening

Für die Berliner Herlitz AG zählt jetzt jeder Tag. Bis zum 1. März muss geklärt sein, wie der gordische Knoten - bestehend aus hohen Schulden, riesigen leer stehenden Immobilien und einem Kerngeschäft, das Gewinne erwirtschaftet - zerschlagen werden kann. Nur, wenn es dem Berliner Büroartikel- und Schreibwarenhersteller gelingt, sich von Altlasten zu befreien, hat er eine Überlebenschance. Doch im Moment sieht es nicht gut aus.

Den Ausschlag könnte ein Gutachten der Wirtschaftsprüfer von Price Waterhouse geben, das bis zum 1. März vorgelegt werden soll. Es ist ein offenes Geheimnis, dass Mitarbeiter der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft die Voraussetzungen für einen möglichen Bürgschaftsantrag der Banken prüfen. Wenn die Prüfer Herlitz nicht eindeutig die Überlebensfähigkeit bescheinigen, gibt es keine Bürgschaft des Landes - und dem Unternehmen droht endgültig das Aus. Bei Herlitz versucht man zu beruhigen. "Wir haben Wirtschaftsprüfer im Haus", sagt Unternehmenssprecherin Beate Haumesser, "aber die beschäftigen sich mit dem Jahresabschluss 2001, der Anfang April vorliegen dürfte."

Eine Bürgschaft des Landes hatte Wirtschaftssenator Gregor Gysi vor wenigen Tagen angeboten, nachdem eine der mehr als zehn Konsortialbanken nervös geworden war, und mit der Kündigung ihres Anteils am Kreditpool gedroht hatte. Doch ob eine Bürgschaft dem Unternehmen überhaupt noch helfen kann, ist nicht sicher.

Dabei geht es zunächst um vergleichsweise geringe Beträge. Rund 20,45 Millionen Euro soll der Kredit betragen, den die Banken zur Verfügung gestellt haben. Allein auf die bayerische Hypo-Vereinsbank sollen etwa 8,69 Millionen Euro entfallen. Herlitz-Sprecherin Haumesser bestreitet allerdings vehement, dass die Bayern der "Gegner" sein sollen - und betont die "weiter konstruktive Haltung der Banken zum laufenden Sanierungsprogramm".

Doch hinter der Summe, an der sich nun das Schicksal von Herlitz entscheiden könnte, steht in Wahrheit sehr viel mehr: viele teure Altlasten. Herlitz hat vor Jahren rund 250 000 Quadratmeter Produktions- und Logistikflächen sowie weitere 190 000 Palettenplätze gebaut, verteilt auf den Unternehmenssitz in Tegel, in Spandau und im brandenburgischen Falkensee. Das Unternehmen wollte damals europaweit expandieren. Das hat nicht funktioniert: Von den insgesamt440 000 Einheiten nutzt Herlitz heute nur etwa 240 000. Auch das Einbringen der Logistikabteilungen in das Gemeinschaftsunternehmen Fiege & Co brachte keine dauerhafte Lösung. Rund 200 000 Einheiten sollten eigentlich an Dritte vermietet oder verkauft werden. Allein die Leerstandskosten summieren sich auf rund 20,45 Millionen Euro im Jahr.

Herlitz hat auch hohe Schulden angehäuft. Weil der Berliner Papierwarenhändler ein internationaler Konzern werden wollte, kaufte Herlitz Anfang der neunziger Jahre in Russland eine Papierfabrik. Mit der Münchener Tochter Herlitz International Trade (HIT) stiegen die Berliner in den internationalen Papierhandel ein. Die Engagements scheiterten verlustreich. Nach der Wiedervereinigung schließlich errichtete Herlitz ein ganzes Stadtviertel in Falkenhöh. Auch dieses Engagement brachte große Verluste. Pech oder Blauäugigkeit kam hinzu: Eine in Frankreich übernommene Tochter handelte kriminell und riss ein zweistelliges Millionenloch in die Bilanz. Anfang 2001 summierten sich die Schulden auf 355,86 Millionen Euro. Damals stand Herlitz zum ersten Mal vor dem Aus. Doch die Banken halfen. Sie wandelten 49,08 Millionen Euro in Genussrechtskapital um, das sie selbst übernahmen. Und sie schossen in einer Kapitalerhöhung 30,68 Millionen Euro Barkapital zu. Seitdem gehört Herlitz zu rund 70 Prozent den kreditgebenden Banken, allen voran der Deutschen Bank.

Doch die Schulden sind seitdem wieder gewachsen. Allein bis zum Ende des dritten Quartals 2001 belief sich das negative Ergebnis von Herlitz auf 38 Millionen Euro. Die Schulden und die Belastungen aus dem Immobilienbereich kann das Kerngeschäft von Herlitz - Papier- und Schreibwaren - nicht erwirtschaften.

Dies wissen auch die Angestellten - die trotzdem kämpfen. Sie arbeiten 37 statt 35 Stunden in der Woche - ohne Lohnausgleich. Auf das Weihnachtsgeld für 2001 haben sie auch verzichtet. Die Mitarbeiter hoffen jetzt, dass alles gut wird. "In das neue Jahr sind wir gut gestartet", sagt der Betriebsratsvorsitzende Christan Petsch, der auch stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender ist. "Umsatz und Ertrag liegen über Plan." 3000 Mitarbeiter hat der Konzern derzeit, rund 800 davon arbeiten in Berlin. Zum Vergleich: Ende 1999 beschäftigte Herlitz noch 4200 Mitarbeiter. "Und die Mitarbeiter stehen voll hinter ihrem Unternehmen", versichert Betriebsrat Petsch, "die sind überzeugt vom Erfolg von Herlitz".

Dennoch steht die Insolvenz als Menetekel an der Wand. "Ich werde alle Hebel in Bewegung setzen, damit es nicht dazu kommt", sagt Petsch. Er fordert von den Banken mehr Engagement, "schließlich haben die auch eine soziale Verpflichtung". Und er verspricht, "es wird sich ein Käufer für Falkensee finden". Aber noch ist kein Interessent für die riesigen Lager- und Logistikkapazitäten in Sicht.

Ein anderes Aufsichtsratsmitglied scheint weniger zuversichtlich. Eine Bürgschaft helfe wenig, denn die Belastungen aus dem Schuldenberg und den Immobilien blieben. Deshalb sei ein zinsloser Kredit oder gar eine Eigenkapitalhilfe wie etwa bei der Bankgesellschaft erforderlich.

Doch das Land hat kein Geld. Der so genannte Liquiditätsfonds ist für eine Größenordnung wie Herlitz nicht gedacht, sein Volumen beträgt rund 4,6 Millionen Euro. Und der Kauf von Grundstücken, wie es vor Jahren zur Rettung des Klavierbauers Bechstein in Kreuzberg geschah? "Wir tun alles, um Herlitz zu helfen", versichert die Sprecherin des Wirtschaftssenators, "aber angesichts der derzeitigen Haushaltslage müssen wir soetwas natürlich sehr viel genauer prüfen, als in früheren Zeiten". Zudem beginnen gerade erst die konkreten Verhandlungen über die finanzielle Ausstattung des Wirtschaftsressorts. Gysi weiß nicht so genau, wie viel Geld er zur Verfügung haben wird.

Den Eingang eines Bürgschaftsantrags der Banken erwartet Gysi in der kommenden Woche. Doch erst, wenn die Prüfer von Price Waterhouse Herlitz eine reale Überlebenschance attestieren, gibt es auch eine Bürgschaft. Doch was machen die Banken, wenn die Wirtschaftsprüfer den Daumen senken? Bei den Kreditinstituten schweigt man - mit Verweis auf das Bankgeheimnis.

"Bei einer Insolvenz verlieren immer alle", sagt der Bertriebsratsvorsitzende Petsch, der eine solche Möglichkeit nicht in Betracht ziehen will. Doch schon gibt es erste Stimmen, die in einem Insolvenzantrag auch eine Chance für Herlitz sehen. Das Kerngeschäft ist profitabel, es gibt Interessenten. "Herlitz wird nicht dichtgemacht", sagt Andreas Köhn, der für die Gewerkschaft Verdi im Herlitz-Aufsichtsrat sitzt, "schließlich gibt es sehr lukrative Teile."

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