Wirtschaft : Hermann Paulluck

(Geb. 1939)||Er sagte, er würde alles wieder so machen. Das wird wohl stimmen.

Dora Winkelmann

Er sagte, er würde alles wieder so machen. Das wird wohl stimmen. In den achtziger Jahren reist Hermann Paulluck beruflich oft nach Holland. Holland ist das Land der Blumen, und Hermann liebt Blumen, insbesondere Tulpen, er liebt Felder voll blühender Tulpen, und er kann ihren Anblick auch genießen, wenn er mit einer Wagenladung Haschisch durch die Gegend fährt, versteckt in den Reifen, den Türen, dem Gehäuse seines Autos. Hermann Paulluck ist ein Haschisch-Kurier. Er ist auch Prokurist einer Berliner Baufirma. Er schätzt maßgeschneiderte Anzüge und zieht die Gesellschaft von Menschen vor, denen die Etikette egal ist. Hermann Paulluck ist gläubiger Katholik, und er ist schwul. Er verstößt gegen das Gesetz, aber ansonsten hält er, was er verspricht, verabscheut die Lüge und ist jemand, auf den man sich verlassen kann.

Er war, sagen die Freunde, ein guter Mensch. Und es scheint, dass er in den Gegensätzen, die sein Leben bestimmt haben, die Mitte und das Gleichgewicht gefunden hat.

Im Jahr 1979 wird Hermann gekündigt. Da ist er 40 Jahre alt und Industriekaufmann bei Thyssen Rheinstahl. Außerdem ist er, das ist seinem Lebensstil zuzuschreiben, hoch verschuldet. Jemand erzählt ihm vom schnellen Geld, Drogen über die holländisch-deutsche Grenze, saubere Angelegenheit, Risiko gleich null, kann gar nichts passieren.

Hermann wird Gerd vorgestellt, und Gerds erster Gedanke bei Hermanns Anblick ist: „Der perfekte Kurier.“ Hermann Paulluck, 20 Jahre älter als Gerd, ist eine eindrucksvolle Erscheinung, mit dem Auftreten des seriösen Geschäftsmannes gesegnet, so jemanden winkt jeder Grenzer durch, schönen Tag noch, ja Danke, auf Wiedersehen.

Gerds zweiter Gedanke ist poetischerer Natur. Hermann Paulluck ist ein schöner, großer Mann, sein Gesicht ist schmal, nachdenklich und ernsthaft, ein Zug von Humor um die Augen herum, jemand, der hinguckt und wahrnimmt, was er sieht. Gerd verliebt sich in Hermann, und Hermann verliebt sich in Gerd. Wäre das nicht passiert, wäre selbstverständlich alles anders gekommen. Aber am Ende wird Hermann sagen, dass er nichts von alldem jemals anders gemacht hätte, und weil er, streng katholisch, nie gelogen hat, wird das stimmen.

Hermann hat es mit den Frauen versucht, es ist nicht gegangen. Er hat es mit einem Mann versucht, gegen die Gesetze des Katholizismus, es ist ihm schwer gefallen, es wurde auch nicht unbedingt besser. Mit Gerd wird es gut, 26 lange Jahre, bis zum Ende.

Sie fahren die Drogen über die deutsch-holländische Grenze. Sie verdienen jede Menge Geld. Sie reisen nach Mexiko, nach Jamaika, Amerika, nach Indonesien und Afrika. Wenn sie viel Geld haben, steigen sie in luxuriösen Hotels ab, wenn sie wenig Geld haben, übernachten sie im Schlafsack unterm freien Himmel, „Sekt oder Selters“, sagt Hermann, „Schlafsack oder Smoking“.

Sie leben in Amsterdam und Barcelona und kehren immer wieder nach Berlin zurück. Sie halten sich von den Extremen der homosexuellen Szene fern und sind glücklich in Familien, die sie sich selber suchen, Freunde in Spanien, Hausgemeinschaften mit Kindern und Hunden, verschiedene Generationen und Nationalitäten. Sie gründen ein Geschäft, verkaufen Western-Stiefel und Indianerschmuck, der Laden heißt „Outlaw-Boots“ – Schuhe für Banditen, Vogelfreie. Sie haben auch Sehnsucht nach dem anderen Leben, geregelten Verhältnissen, vielleicht eigenen Kindern, sie sind manchmal müde. Dem schnellen Geld können sie trotzdem nicht widerstehen.

Es geht zehn Jahre lang gut, und dann geht es schief. Hermann wird gewusst haben, dass dieses Leben einen Preis hat. Er wird 1991 verhaftet und geht für zwei Jahre ins Gefängnis. 1995 wird Gerd zu zehn Jahren Haft verurteilt, Hermann fährt 1999 ein zweites Mal ein, wieder zweieinhalb Jahre. In dieser Zeit dürfen sie sich ab und an besuchen. Gegenüber sitzen, vier Stunden lang, sich anfassen auch, küssen, umarmen. Mehr nicht. Sie schreiben sich Briefe. Die Briefe, sagen sie später, waren Freiheit. Und manchmal noch mehr Nähe als zuvor.

2001 wird Hermann entlassen, der Krebs kurze Zeit später diagnostiziert. Der Krebs frisst den Körper auf, als wolle er tabula rasa machen mit den glücklichen Jahren. Hermann sieht ihn nicht als eine Strafe. Er stemmt sich gegen die Krankheit, weil er auf Gerd warten muss, es ist schwer, aber es gelingt.

Er ist ein Pflegefall, aber er geht nicht ins Krankenhaus, verweigert die Chemotherapie, nimmt keine Medikamente außer Morphium und zieht zu den Menschen, die ihm in Berlin eine Familie gewesen sind, in ein ehemals besetztes Haus in Kreuzberg. Ein gelbes Zimmer, Blick auf Weinlaub, Kinderstimmen im Hof, schwebende bunte Kugeln zwischen den Ästen der Bäume. Die Freunde kochen für ihn, sie baden ihn, dosieren das Morphium, sie sind bei ihm.

Hermann wartet drei Jahre lang im gelben Zimmer. Im Dezember 2005 wird Gerd entlassen. Am 31. Januar lässt Hermann los. Er stirbt im katholischen Hospiz, er geht zu Gott, das weiß er sicher. Seinen Sarg schmücken die Freunde mit roten und weißen Tulpen, auf dem Grabkranz von Gerd steht ein „Bis bald“.

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