Wirtschaft : Hermann Poppinga

(Geb. 1941)||Alles schön übersichtlich. Keine Chefs. Keine Kredite. Kein Stress.

Gregor Eisenhauer

Alles schön übersichtlich. Keine Chefs. Keine Kredite. Kein Stress. Sein Großvater, ein ostfriesischer Bauer, hatte eine klare Vorstellung davon, wann ein Mann ein Mann ist. „Zieh mal mit den Hasen ab!“

Der kleine Junge lief davon. Fand Zuflucht bei der Schwester des Vaters, die im Rollstuhl saß, Kinderlähmung. Sie gab ihm Bücher, erzählte Märchen: Von einem, der auszog das Fürchten zu lernen.

Der Vater war im Volkssturm umgekommen, die Mutter blieb zeitlebens eine strenge Frau, wortkarg. Er hat sie sehr geliebt, auch wenn sie nie viel Zuversicht ausstrahlte: „Dat wird doch nichts min Jung.“

Er war der Erste aus dem Dorf, der in die große Stadt ging, nach Lübeck aufs Gymnasium, dann weiter nach Freiburg, und schließlich ins Babel für Bauern schlechthin: Berlin.

Das Erbe, den Hof, schlug er aus, und durfte dafür studieren, nicht Jura, nicht Medizin, Soziologie. Das alte West-Berliner Leben. Ein Altbau: Studenten und Rentner zusammen in einer ehemals großbürgerlichen Acht-Zimmer-Wohnung.

Ein Mal im Monat fuhr er ins Dorf, brachte die Wäsche zur Mutter, und nahm einen Koffer mit der frischen zurück sowie etliche Weißblechdosen mit Hausgeschlachtetem. Und da er alle Fußballergebnisse eines Jahres auswendig kannte und alle Namen der Spieler bis hinab in die Regionalliga, war er, der Studierte, im Dorfkrug noch immer ein gern gesehener Gast.

In seinem Berliner Zimmer standen ein Bett, ein Tisch, und darauf der Koffer mit der frischen Wäsche, darunter der mit der dreckigen. An der Wand ein einziges Bild: Tempelhof, der Bau des Ullsteinhochhauses, Babylon.

Auf mehr Mobiliar legte er keinen Wert. Er besuchte gern Freunde.

Im Studium kam er nicht zurecht. Ein Selbstdenker, dem nie genügte, was er formulierte. Bei Freunden fiel ihm das leicht, er half aus, schrieb Abschlussarbeiten. Die Revolte gegen den Zwang wurde selbst zum Zwang, an der Universität, wie auf der Straße – er fühlte sich nicht mehr heimisch. „Ho-Ho-Ho Chi Minh“ – Das war nicht sein Chor.

18 Semester hielt er durch. Dann war Schluss. Studienabbruch.

Er ging als Einsiedler nach Gomera, hauste am Strand in einer Höhle, wo ihn zufällig die Firma Blendax aufscheuchte. Werbeaufnahmen: Er nackt am Strand mit Zahnbürste. Kein Entkommen vor dem Kommerz, nirgendwo.

Ein Freund half ihm aus der Krise: „Mach Spediteur! Du bist immer unterwegs, on the road, aber für gutes Geld.“ Das Geschäft lief, über zwanzig Jahre lang transportierte er Antiquitäten für den Berliner Kunsthandel. Wer ihm krumm kam von den Händlern, den hat er von der Liste gestrichen; ansonsten war immer Zeit für einen Plausch, eine Partie Schach, ein gutes Essen. Natürlich lebte er noch immer den Protest gegen die Spielregeln der Bourgeoisie, aber auf eigene Art: Er mixte Remy Martin mit Cola.

Seine Logistik des Genießens führte ihn auf den Touren bis nach Österreich und Italien, überall kulinarische und gesellige Stützpunkte. Ansonsten blieb alles schön übersichtlich. Keine Vorgesetzten. Keine Kredite. Kein Stress.

„Du bist nur auf die Welt gekommen, um Luft zu holen“, schimpfte mal ein Freund, „das reicht nicht!"

Aktivistengerede dieser Art brachte ihn nicht weiter aus der Ruhe, er bewahrte sich den Hochmut des Theoretikers, der weiß, was Innehalten wert ist. Und er konnte ja wunderbar das Leben der anderen analysieren, und deren Defizite auf den Begriff bringen, in Gesprächen, in Briefen. Das genügte.

Er hat sich selbst die Rolle in seinem eigenen Roman geschrieben – und sie gelebt. Wozu ihn dann noch expressis verbis zu Papier bringen?

Ein „Mann ohne Eigenschaften“ – und ohne Hinterlassenschaften, der durch die Wiener Schule der Melancholie gegangen war, aber sie als solche nie zu Markte trug.

Mit diesem wohltemperierten Charme zog er alle zu sich heran, selbst als er bettlägrig wurde.

Ein Schlaganfall. Das linke Bein war fortan gelähmt. Aber er rauchte weiter. Das andere Bein starb ab: „Das brauch’ ich ja sowieso nicht mehr.“ Amputation. Und er hat weiter geraucht. „Wozu jetzt noch aufhören?“

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben