Wirtschaft : Heros-Pleite bedroht Berliner Mittelständler

Unternehmer beklagen Außenstände in Höhe von 20 Millionen Euro / Firmenleitung des Geldtransporteurs wurde offenbar erpresst

Sebastian Bickerich

Berlin - Unternehmen in Berlin und Umgebung sind von den kriminellen Machenschaften beim Geldtransportunternehmen Heros weitaus stärker betroffen als bislang angenommen. Einige Mittelständler kämpfen sogar um ihre Existenz und sind auf Bankkredite angewiesen. Das ergab eine Umfrage des Tagesspiegels bei namhaften Unternehmen.

„Wir warten noch immer auf 400 000 Euro“, sagte Horst Lehmann, Inhaber des gleichnamigen Getränkegroßhändlers („Ick koof bei Lehmann“). Betroffen seien die Kassengelder, die zwischen dem 17. und 20. Februar von Heros abgeholt worden seien, sagte Lehmann. Auch die Getränkekette Getränke Hoffmann bestätigte Außenstände in Höhe von rund einer halben Million Euro. „Die Tageseinnahmen vom 17. und 18. Februar sind noch immer nicht bei uns eingetroffen“, sagte Geschäftsführer Rolf Harder dem Tagesspiegel. Der Großhändler Cash & Carry, der vor allem Imbissbuden mit Lebensmitteln versorgt, vermisst eine Summe von rund 70 000 Euro. „Für uns als Mittelständler geht das an die Belastungsgrenze“, sagte Geschäftsführer Thomas Traboulsi. Auch Großdiskotheken im Berliner Umland sind betroffen. „Im gesamten Berliner Raum summieren sich die zurzeit blockierten Gelder auf bis zu 20 Millionen Euro“, sagte ein Brancheninsider.

Grund für die Ausstände ist das kriminelle Schneeballsystem bei Heros. Da das Geldtransportunternehmen die meisten Kundengelder nicht wie branchenüblich auf Treuhandkonten führte, konnten die Heros-Geschäftsführer eingezahlte Gelder auf andere Geschäftskonten einzahlen. „Diese Manipulationen bewirkten über Jahre eine immer größer werdende Liquiditätslücke“, sagte Insolvenzverwalter Manuel Sack. Betroffen von den Veruntreuungen sind demnach Einzahler zwischen dem 10. und dem 17. Februar – mit ihren Geldern musste Heros die Lücken der vorherigen Einzahler stopfen. Der Verbleib des Geldes ist indes völlig unklar. In einem Schreiben an die betroffenen Kunden, das dem Tagesspiegel vorliegt, nannte Insolvenzverwalter Sack eine Summe in Höhe von insgesamt 135 Millionen Euro, die momentan „noch auf Konten der Bundesbank“ lägen - und bittet die betroffenen Kunden um Geduld. In Branchenkreisen hieß es, das Geld werde in jedem Fall ausgezahlt, notfalls aus Versicherungsmitteln. „Die Frage ist nur, wie lange vor allem kleine Unternehmen warten können“, hieß es.

Die geschädigten Unternehmen forderten derweil eine stärkere Kontrolle des Finanzgebarens bei Geldtransportunternehmen. „Es verwundert schon, dass die Banken Treuhandkonten nicht zur Bedingung machen“, sagte Getränke-Hoffmann-Geschäftsführer Harder. Der stellvertretende Vorsitzende der Bundesvereinigung Geld- und Werttransportdienste (BDGW), Hans-Jörg Hisam, sagte, derartige Konten seien „in der Branche eigentlich Standard“. Heros habe sich daran aber nicht gehalten.

Unterdessen wurden neue Details des Betrugsskandals bekannt. Justizkreise bestätigten einen Bericht der „Süddeutschen Zeitung“, in dem es hieß, die Heros-Firmenleitung sei jahrelang von eigenen Mitarbeitern erpresst worden. Vor einer Woche sei eine 39-jährige Mitarbeiterin der Firma wegen des Verdachts der Erpressung und der schweren Untreue verhaftet worden. Die Frau war demnach als Personalmanagerin bei der in Viersen ansässigen Heros-Tochter Nordcash tätig. Laut Haftbefehl soll die 39-Jährige seit 2002 von Heros-Inhaber Karl-Heinz Weis und dem Nordcash-Leiter Manfred Diel mindestens eine Million Euro erpresst haben. Zudem soll die gelernte Erzieherin über einen Zeitraum von etwa drei Jahren monatlich zwischen 50 000 und 250 000 Euro für sich selbst abgezweigt haben. Heros-Inhaber Weis gestand unterdessen nach Angaben seines Anwaltes in Vernehmungen den Betrug.

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