Heros-Prozess : Elf Jahre Haft für Millionenschaden gefordert

Um 270 Millionen Euro hat der ehemals größte deutsche Geldtransporteur Heros jahrelang Supermarktketten und Banken betrogen. Die Angeklagten hätten ein Selbstbedienungssystem ohnegleichen vorgelebt, so die Staatsanwaltschaft.

Hildesheim - Löcher in der Bilanz wurden über ein Schneeballsystem gestopft, während von der Geldzählerin bis zum Chef etliche Beschäftigte auch selber kräftig zulangten und atemberaubende Summen abzweigten. Für den Riesenschwindel mit einer geschätzten Schadenssumme von wenigstens 270 Millionen Euro hat die Anklage im Landgericht Hildesheim hohe Haftstrafen gefordert. Ex-Firmenchef Karl-Heinz Weis soll elf Jahre hinter Gitter, drei mitangeklagten Managern drohen nach dem Plädoyer siebeneinhalb und achteinhalb Jahre Haft wegen Untreue und Bankrotts.

"Die Angeklagten haben ein Selbstbedienungssystem vorgelebt, was ohnegleichen war", sagte Oberstaatsanwalt Andreas Henze in seinem dreistündigen Plädoyer. Luxusautos, Häuser, Schmuck oder Casinobesuche wurden mit fremden Geld bezahlt. "Er hat das Geld bündelweise bei Nordcash in Viersen herausgetragen", sagte Henze über den ehemaligen Leiter der niederrheinischen Filiale. Sogar eine Mädchen-Band sponserte der Angeklagte und investierte gestohlene Millionen in den Bau eines Hotels in einem bulgarischen Wintersportort. Heros-Chef Weis habe bei einem Juwelier alleine binnen eines Jahres Einkäufe für 600.000 Euro gemacht - "mit Bargeld von Kunden".

Raffiniertes Schneeballsystem

Obwohl etliche Großkunden wegen verzögerter Zahlungen misstrauisch wurden, habe Heros mit systematischen Täuschungen lange sein Image als expandierendes und zuverlässiges Unternehmen pflegen können, sagte Henze. Mit namhaften Firmen als Kunden habe der Branchenprimus stets neue Aufträge für sich gewinnen können. Bei einigen Handelsketten hätten die Verantwortlichen aber auch sechsstellige Eurosummen als Schmiergeld erhalten, um über den Schummel zu schweigen. Selbst als das Bundeskriminalamt 2001 einen Hinweis auf Unterschlagung bei Heros erhielt, ermittelte die Staatsanwaltschaft Mönchengladbach bis 2003 letztendlich ergebnislos. Zu raffiniert war das Schneeballsystem nach außen hin aufgezogen, als dass den Fahndern der Betrug aufgefallen wäre.

Zu den Opfern des spektakulären Betrugs, der Anfang 2006 aufflog, zählen aus Sicht von Oberstaatsanwalt Henze nicht nur Banken und Großhandelsketten. Auch viele der ehemaligen einfachen Angestellten ständen letztendlich ohne Arbeit da, weil ihnen der Makel der Heros- Pleite anhafte. Außerdem habe Heros mit Dumping-Preisen den Markt der Geldtransporteure kaputt gemacht. "Heros hatte entscheidenden Anteil, dass die Preisspirale nach unten einsetzte."

Während die von den Heros-Betrügereien betroffenen Unternehmen ihren Schaden inzwischen ausgerechnet haben - alleine bei REWE ist laut Henze ein Verlust von 166 Millionen Euro entstanden - ist der Verbleib der privat abgezweigten Millionen teils noch unklar. Noch vor dem Urteilsspruch mahnte Henze daher die Angeklagten an, reinen Tisch zu machen. An eine Haftentlassung nach zwei Dritteln der Strafe sei ansonsten nicht zu denken. Die Urteile werden Ende Mai erwartet. (Von Michael Evers, dpa)

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