Wirtschaft : Herr Greenspan warnt, die Börse stöhnt

BERLIN (jhw). Alan Greenspan hat klare Worte gefunden. Der Chef der amerikanischen Notenbank, des Federal Reserve, warnte am Donnerstag vor dem Risiko der Inflation. Mit überraschender Deutlichkeit kündigte er eine rasche und konsequente Reaktion an - was allenthalben als eine Möglichkeit für künftig höhere Zinsen gewertet wurde.Angesichts des engen Arbeitsmarkts sei der Fed "besonders alarmiert" über steigende Inflationsraten, stellte Greenspan vor dem Kongreß in Washington fest. Die Notenbank werde äußerst genau darauf achten, daß ein möglicher Anstieg von Löhnen und Preisen den konjunkturellen Aufschwung, der nun schon seit acht Jahren anhält, nicht gefährde. Ziel der Notenbank ist zu vermeiden, daß sich die Konjunktur überhitzt - und dann einem übertriebenen Boom der unvermeidliche Abstieg in die Rezession folgt.Die Aussicht auf höhere Zinsen verstörte die amerikanischen Wertpapiermärkte. Sie reagierten mit teilweise kräftigen Kursverlusten. In den Stunden nach der Rede von Greenspan verloren vor allem festverzinsliche Wertpapiere, denn ihr Kurs fällt, je höher der Zins ist. Auch der Aktienmarkt tendierte schwächer.Erst vor gut drei Wochen hatte der für die Zinspolitik zuständige Offenmarkt-Ausschuß eine neutrale Haltung des Fed über die künftige Zinsentwicklung veröffentlicht. Das hatte - trotz der seinerzeit leichten Erhöhung des kurzfristigen Zinssatzes um 0,25 Prozentpunkte auf fünf Prozent - der Börse Kursgewinne beschert.Und jetzt das: Greenspan sagt, die neutrale Haltung bedeute nicht, daß die Notenbank nicht handeln werde, wenn es nötig sei. Der Fed habe den neutralen Standpunkt nur eingenommen, um zu zeigen, daß sie kurzfristig nicht zu weiteren Zinserhöhungen gezwungen sei. Kein Wunder, daß die Börsianer jetzt erst einmal ins Grübeln kommen. Zumal Greenspan noch eines draufsetzte: In einer seiner typischen kryptischen Warnungen über das hohe Kursniveau am US-Aktienmarkt sagte er, es bestehe das Risiko eines "euphorischen" Kurswettlaufs. Der könne auf ein Niveau führen, auf dem der Markt keine Unterstützung mehr finde.Droht das Ende der jahrelangen Hausse, die die Wall Street von Rekord zu Rekord trieb? Da bleibt nur die Frage wann. "Wir wissen, daß ein bedeutender Teil des Anstiegs der Kurse die höheren Gewinnerwartungen reflektiert", sagte Greenspan. "Was wir nicht wissen ist, ob das übertreiben ist."Damit hat sich Greenspan für viele Börsianer plötzlich mehr als Falke entpuppt als gedacht. Unter Falken verstehen die Märkte Notenbanker, die einen harten geldpolitischen Kurs verfechten - also Bundesbank-Präsident Hans Tietmeyer und EZB-Chef Wim Duisenberg. Als Tauben werden die Vertreter eine eher weichen Linie bezeichnet. Offenbar ist Greenspan unzufrieden mit der überaus positiven Reaktion der Börse auf die neutrale Haltung des Fed aus dem Juni.Die positiven Reaktionen sind jetzt Vergangenheit. Nach den Äußerungen fiel die wichtige 30jährige US-Staatsanleihe um rund 0,75 Punkte. Ihre Rendite zog deshalb kräftig auf 5,97 Prozent (von 5,91 Prozent) an - schon in Erwartung eines höheren Zinsniveaus. Auch in Europa sackten die Kurse festverzinslicher Wertpapiere ab, stiegen die Renditen.Fast wenig Beachtung fand da die Aussage Greenspans, noch sei die Zentralbank nicht gezwungen, die Zinsen zu erhöhen. Denn der Preisanstieg sei bisher bemerkenswert diszipliniert verlaufen.Am 24. August kommt der für die Geldpolitik zuständige Offenmarkt-Ausschuß wieder zusammen, dann wieder im Oktober. Spätestens zum zweiten Termin rechnen viele Händler mit höheren Zinsen. Dafür stünden die Chancen nun 90 zu 10, hieß es in New York am Freitag. Vor Greenspans Rede waren es erst 50 Prozent gewesen.

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