Herstellerkrise : Der brutale Automarkt der USA

Der amerikanische Automarkt läuft seit Jahren auf Hochtouren, doch General Motors, Ford und Chrysler sind in den USA in eine fast beispiellose Krisensituation mit Milliardenverlusten geraten.

New York - Die Amerikaner haben angesichts des Höhenflugs der Benzinpreise plötzlich ihre Liebe zu kleineren und sparsameren Geländewagen und Pkw entdeckt. Der Absatz der Benzinfresser in Form riesiger Pickups, Geländewagen und Minivans sackte ab. Nutznießer waren vor allem die Anbieter aus Fernost mit einer breiten Palette moderner und bei den Amerikanern wegen ihrer Qualität bevorzugten Modelle. Dagegen hatten sich GM, Ford und Chrysler seit Anfang der neunziger Jahre immer stärker auf die lukrativeren "Trucks" konzentriert und konnten nicht schnell genug auf den sich wandelnden Käufergeschmack reagieren.

Dies erklärt jedoch nicht allein den Siegeszug ausländischer Anbieter in den USA. Der Trend läuft seit Jahrzehnten, hat sich aber in den vergangenen Jahren noch beschleunigt. Die japanischen Autokonzerne Toyota, Honda, Nissan und die südkoreanische Hyundai- Gruppe haben ihren US-Verkauf enorm gesteigert, und es gab eine sehr beeindruckende Entwicklung des Geschäfts der deutschen Anbieter Mercedes-Benz, BMW, Audi und Porsche. Es ist vor allem der Siegeszug von Toyota in den USA, der den drei heimischen Autokolossen das Fürchten gelehrt hat. Toyota wird in diesem Jahr zweitgrößter US- Anbieter und setzt sogar zum globalen Frontalangriff auf den Branchenführer GM an.

Im US-Automarkt werden seit 2001 jährlich zwischen 16,5 und 17 Millionen Autos verkauft. Das sind sehr gute Gesamtabsatzzahlen. Der Anteil der großen Drei aus Detroit schrumpft aber ständig und dürfte in diesem Jahr erstmals auf 50 Prozent fallen.

Der Absatz Detroits ist 2006 in den USA um fast 800 000 auf 8,9 Millionen Autos abgesackt. Vor fünf Jahren hatten die US- Autoproduzenten noch 11,3 Millionen Autos im heimischen Markt untergebracht. Toyota erhöhte gleichzeitig seinen US-Absatz um rund 800 000 auf mehr als 2,5 Millionen Autos, und die anderen Anbieter aus Fernost legten ebenfalls kräftig zu. Die Europäer, und allen voran die deutschen Anbieter, verkauften im vergangenen Jahr rund 1,1 Millionen Autos in den USA, die Japaner 5,8 Millionen Einheiten und die Südkoreaner rund 750 000 Stück.

Chrysler musste seinen lange künstlich hoch gehaltenen Absatz mit gewaltigen Rabatten erkaufen und hat im vergangenen Jahr deshalb einen operativen Verlust von rund 1,5 Milliarden Dollar verbucht. Das gleiche galt für GM und Ford. Bei GM hatte es 2005 mehr als zehn Milliarden Dollar und 2006 weitere Milliardenverluste gegeben. Ford butterte im vergangenen Jahr 12,7 Milliarden Dollar zu. Angesichts der enormen Restrukturierungen und Schrumpfungsaktionen werden auch in diesem Jahr weitere Milliardenverluste anfallen. Ford will bis 2012 insgesamt 16 Fabriken schließen und GM bis Ende 2008 zwölf.

"Chrysler hat in den vergangenen sechs Jahren 16 Betriebe geschlossen oder verkauft und die Belegschaft um ein Drittel verringert", haderte Ron Gettelfinger, der Präsident der US- Automobilarbeitergewerkschaft UAW. Chrysler will jetzt eine weitere Autofabrik schließen und in anderen die Produktion drastisch reduzieren. In den USA und Kanada werden dabei 13 000 weitere Arbeiter ihre Stellen verlieren oder 16 Prozent der Gesamtbelegschaft. Gettelfinger will harte Verhandlungen über Abfindungen für die Betroffenen führen. In diesem Jahr stehen US- Tarifverhandlungen an, und die großen Drei werden dabei auf weit reichende Konzessionen ihrer Arbeiter dringen.

Seit 2005 sind in der US-Autoindustrie mehr als 130 000 Arbeitsplätze weggefallen oder werden bald verschwinden. 29 amerikanische Autozulieferer hatten in den vergangenen Jahren Insolvenzverfahren eingeleitet. Zukünftig kommen aber auch die chinesischen Autokonzerne als Billiganbieter auf den US-Markt, womit sich der Wettbewerb noch enorm verschärfen dürfte. Angesichts dieser Langzeittrends sind nach Ansicht von amerikanischen Branchenkennern weitere Konsolidierungen, Allianzen und Schrumpfungsaktionen bei GM, Ford und Chrysler wahrscheinlich unumgänglich. (Von Peter Bauer, dpa)

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